Sollten Streaming-Dienste höhere Abgaben zur Förderung nationaler Kulturgüter zahlen?
Eröffnungsrede (These)
Eröffnungsrede der Pro-Seite
Meine Damen und Herren, verehrte Jury, liebe Gegner:innen –
Ja, Streaming-Dienste sollten höhere Abgaben zur Förderung nationaler Kulturgüter zahlen. Denn wenn wir wollen, dass unsere Sprache, unsere Geschichten und unsere Identität nicht im globalen Datenstrom untergehen, brauchen wir mehr als gute Absichten – wir brauchen faire Strukturen.
Was meinen wir mit „nationalen Kulturgütern“? Nicht verstaubte Museumsstücke, sondern lebendige Filme, Serien, Musik, Theater und Literatur, die aus unserem gesellschaftlichen Boden wachsen – Werke, die zeigen, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen könnten. Und was sind „höhere Abgaben“? Eine angemessene Beteiligung jener, die massiv von unserer digitalen Infrastruktur, unserem Publikum und unserem Rechtsstaat profitieren – ohne bisher angemessen zurückzugeben.
Unser Standpunkt beruht auf vier Säulen:
Erstens: Kulturelle Vielfalt ist kein Zufallsprodukt – sie muss gefördert werden.
Ohne gezielte Unterstützung dominieren Algorithmen das, was am meisten Klicks bringt – meist US-amerikanische Blockbuster mit universellem, aber flachem Appeal. Frankreich hat vorgemacht, wie es geht: Seit Jahrzehnten zwingt das „exception culturelle“-Prinzip internationale Player, in französische Produktionen zu investieren. Ergebnis? Weltweit gefeierte Autorenkinos, eigenständige Serienformate – und ein Publikum, das weiß, dass es mehr gibt als Marvel und Netflix-Binge-Watching.
Zweitens: Fairness im Wettbewerb.
Öffentlich-rechtliche Sender zahlen Milliarden in die Kulturförderung – private Fernsehanstalten unterliegen strengen Quotenregelungen. Warum sollen Spotify, Disney+ oder Amazon Prime, die denselben Markt bedienen, dieselben Nutzer:innen ansprechen und dieselbe Bandbreite nutzen, davon ausgenommen sein? Das ist kein freier Markt – das ist Subventionsflucht im digitalen Gewand.
Drittens: Kultur ist Bildung – und Bildung ist Zukunft.
Wenn Kinder heute nur noch Inhalte konsumieren, die aus Silicon Valley kuratiert werden, verlernen sie, ihre eigene Realität zu reflektieren. Eine Serie über Berliner Jugendliche, ein Hörspiel in Schweizer Mundart, ein Dokumentarfilm über ostdeutsche Landflucht – das sind keine Nischenprodukte. Das sind Spiegel, in die sich junge Menschen sehen können. Und solche Spiegel kosten Geld.
Viertens: Es geht nicht gegen Globalisierung – sondern für Balance.
Wir fordern keine Abschottung. Aber eine Welt, in der Kultur nur nach Profitmaximierung entsteht, ist eine Welt ohne Überraschung, ohne Widerspruch, ohne Seele. Höhere Abgaben sind keine Strafe – sie sind eine Investition in jene kreativen Köpfe, die morgen vielleicht die nächsten Toni Erdmann oder Dark-Serien liefern – Werke, die dann wiederum global gefeiert werden.
Man wird uns vorwerfen: „Das behindert Innovation!“ Doch Innovation ohne Wurzeln ist nur Imitation. Wir sagen: Lasst uns die digitale Zukunft nicht nur konsumieren – lasst uns sie mitgestalten. Mit Stimme, mit Geschichte – und mit fairen Abgaben.
Eröffnungsrede der Contra-Seite
Sehr geehrte Anwesende,
Nein, Streaming-Dienste sollten keine höheren Abgaben zur Förderung nationaler Kulturgüter zahlen. Denn Kultur lebt nicht vom Zwang, sondern von Freiheit – und Freiheit stirbt, sobald der Staat entscheidet, was „national wertvoll“ ist.
Was ist überhaupt „national“ in einer Zeit, in der eine Berlinerin koreanische Dramen liebt, ein Wiener japanische Anime streamt und ein Zürcher brasilianischen Funk tanzt? Die Idee, Kultur müsse an Staatsgrenzen haften, ist nostalgisch – und gefährlich. Sie führt zu Protektionismus, zu künstlicher Isolation und letztlich zu kultureller Verarmung.
Unsere Ablehnung gründet auf vier klaren Überlegungen:
Erstens: Der Markt entscheidet besser als Ministerien.
Warum glauben wir, dass Beamte in Kulturausschüssen besser wissen, was die Menschen bewegt als die Nutzer:innen selbst? Wenn eine deutsche Serie weltweit Erfolg hat – wie Dark –, dann nicht wegen staatlicher Quoten, sondern weil sie brillant ist. Zwangsabgaben lenken Ressourcen in politisch genehme Projekte, nicht in künstlerisch wertvolle.
Zweitens: Globalisierung bereichert – sie verdrängt nicht zwangsläufig.
Netflix produziert heute in über 50 Ländern – darunter auch in Deutschland. Warum? Weil globale Reichweite lokalen Geschichten neue Kraft gibt. Statt Abgaben zu erzwingen, sollten wir diese Dynamik nutzen: Je offener der Markt, desto vielfältiger die Inhalte. Kultur braucht kein Schutzgitter – sie braucht Publikum.
Drittens: Staatliche Kulturförderung ist oft ineffizient – manchmal sogar absurd.
Denken Sie an die Millionen, die in vergangene Jahrzehnte in staatlich subventionierte Opern gingen, während Jugendkultur, digitale Kunst oder Independent-Film chronisch unterfinanziert blieben. Höhere Abgaben würden nicht automatisch bei den richtigen Schaffenden landen – sondern in den Kanälen einer Bürokratie, die oft mehr über Formulare als über Film spricht.
Viertens: Verbraucher:innen zahlen doppelt – und verlieren Auswahl.
Höhere Abgaben bedeuten höhere Preise oder eingeschränkte Lizenzen. Gerade in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten ist das sozial ungerecht. Und was passiert, wenn Plattformen gezwungen werden, 30 % ihres Budgets in „nationale Inhalte“ zu stecken? Entweder sinkt die Qualität – oder sie ziehen sich ganz zurück. Dann haben alle verloren: Kreative, Zuschauer:innen – und ja, sogar die Nation.
Man wird uns vorhalten: „Aber ohne Förderung verschwindet unsere Identität!“ Doch Identität entsteht nicht durch Dekrete – sie entsteht im Austausch, im Widerspruch, im Experiment. Wer Angst vor fremden Einflüssen hat, hat schon verloren. Wir setzen auf Offenheit, nicht auf Zwangsabgaben. Auf Kreativität, nicht auf Kontingente. Auf echte Vielfalt – nicht auf staatlich zementierte Folklore.
Kultur darf nicht zur Steuererleichterung degradiert werden. Sie muss frei atmen – online wie offline.
Widerlegung der Eröffnungsrede
Widerlegung der Eröffnungsrede der Contra-Seite
(zweiter Redner der Pro-Seite)
Die Gegenseite malt ein idyllisches Bild: Der freie Markt als großer Kulturvermittler, Netflix als Retter lokaler Geschichten, und der Staat als störender Bürokrat mit Zollstock und Folklore-Hut. Schön erzählt – aber realitätsfern bis zur Karikatur.
Erstens: Der Markt entscheidet nicht – Algorithmen und Kapital tun es.
Die Contra-Seite behauptet, Nutzer:innen würden frei wählen. Doch wer bestimmt, was sie überhaupt zu sehen bekommen? Netflix’ Startseite zeigt nicht das Beste – sondern das Profitabelste. Und das ist fast immer englischsprachig, US-dominiert und algorithmisch optimiert für maximale Verweildauer, nicht für kulturelle Tiefe. Wenn „Dark“ erfolgreich war, dann nicht trotz, sondern wegen staatlicher Filmförderung – ohne die Mittel der nordmedia und des Deutschen Filmfonds wäre die Serie nie entstanden. Die Gegenseite feiert also ausgerechnet ein Produkt, das ihren Kernargumenten widerspricht!
Zweitens: „National“ heißt nicht „abgeschottet“ – sondern „verortet“.
Sie reduzieren nationale Kultur auf Heimatfilme und Trachtenparaden. Aber eine Serie über queere Jugend in Leipzig, ein Rap-Album über postmigrantische Identität oder ein Dokumentarfilm über Strukturwandel im Ruhrgebiet – das sind ebenfalls nationale Kulturgüter. Sie entstehen hier, sprechen unsere gesellschaftlichen Widersprüche an und brauchen Raum, um gehört zu werden. Ohne gezielte Förderung versinken sie im Rauschen globaler Mainstream-Inhalte. Offenheit beginnt nicht mit dem Verzicht auf eigene Stimmen – sondern mit deren Stärkung.
Drittens: Bürokratie ja – aber besser als digitale Monopole.
Ja, staatliche Förderung kann ineffizient sein. Aber ist es effizienter, wenn drei US-Konzerne über 80 % des deutschen Streaming-Marktes kontrollieren und entscheiden, was „kulturell relevant“ ist? Zumindest bei staatlicher Förderung gibt es parlamentarische Kontrolle, Transparenzpflichten und Diversitätskriterien. Bei Amazon Prime? Keine Ahnung, wer da hinter dem Algorithmus sitzt – und ob der jemals von Bautzen oder Basel gehört hat.
Und viertens: Die soziale Frage wird verdreht.
Höhere Abgaben führen nicht zwangsläufig zu höheren Preisen. Warum? Weil Streaming-Dienste Milliardengewinne erwirtschaften – und eine Abgabe von 1–2 % ihres Umsatzes in Deutschland kaum ins Gewicht fällt. Im Gegenteil: Wenn diese Mittel in lokale Produktion fließen, entstehen Arbeitsplätze, neue Formate und letztlich günstigere, vielfältigere Inhalte. Die wahre soziale Ungerechtigkeit ist, wenn nur jene Kultur überlebt, die sich am besten verkauft – nicht die, die uns am meisten sagt.
Die Gegenseite fürchtet Zwang. Wir fürchten Schweigen. Denn wenn niemand mehr Geschichten aus unserem Alltag erzählt, wer soll uns dann noch verstehen?
Widerlegung der Eröffnungsrede der Pro-Seite
(zweiter Redner der Contra-Seite)
Die Pro-Seite spricht mit edlen Worten über Vielfalt, Fairness und Identität. Doch hinter dieser Rhetorik verbirgt sich ein gefährliches Missverständnis: Sie glaubt, Kultur ließe sich wie Straßenbau planen – mit Quote, Abgabe und Genehmigung. Das ist nicht nur naiv, sondern kontraproduktiv.
Erstens: Ihre „Fairness“ ist selektiv.
Warum sollen nur Streaming-Dienste zahlen – aber nicht YouTube, TikTok oder Instagram, die ebenfalls massenhaft kulturelle Inhalte verbreiten? Warum nicht auch Buchhändler, Kinos oder Gaming-Plattformen? Ihre Definition von „Marktteilnehmern“ ist willkürlich – und zielt offenbar nur auf jene ab, die international erfolgreich sind. Das ist weniger Fairness als Neidökonomie im Gewand der Kulturpolitik.
Zweitens: Kulturelle Vielfalt entsteht nicht durch Zwang – sondern durch Freiheit.
Frankreichs exception culturelle mag beeindruckend klingen – aber sie hat auch dazu geführt, dass französische Jugendliche oft erst spät Zugang zu globalen Strömungen hatten. Und heute? Gerade junge Kreative brechen diese Grenzen auf – mit deutsch-türkischen Webserien, afrodeutschem Poetry Slam oder transnationalen Co-Produktionen. Genau diese Dynamik würde eine starre Abgabenpflicht ersticken. Denn sobald Geld an „nationale“ Kriterien geknüpft ist, entscheiden Ausschüsse darüber, wer „deutsch genug“ ist – und wer nicht.
Drittens: Ihre Bildungsargumentation ist paternalistisch.
Kinder „verlernen“ nichts, nur weil sie Stranger Things schauen. Im Gegenteil: Sie lernen, globale Narrative zu dechiffrieren – und entwickeln oft erst dadurch den Drang, eigene Geschichten zu erzählen. Die Annahme, junge Menschen bräuchten staatlich kuratierte „Spiegel“, unterschätzt ihre Urteilskraft massiv. Wer glaubt, Identität müsse von oben verordnet werden, verkennt, dass sie im Dialog entsteht – nicht im Dekret.
Und viertens: Ihre „Balance“ ist eine Illusion.
Sie sagen, es gehe nicht gegen Globalisierung – aber jede Abgabe, die auf „national“ begrenzt ist, schafft künstliche Barrieren. Warum sollte ein polnischer Regisseur, der in Berlin lebt und auf Deutsch dreht, weniger förderungswürdig sein als ein Bayer mit Heimatfilm? Ihre Logik führt zwangsläufig zu ethnischem oder sprachlichem Nationalismus – auch wenn sie das nicht beabsichtigen.
Am Ende bleibt die Frage: Wer definiert, was „national wertvoll“ ist?
Ein Minister? Eine Jury? Ein Algorithmus der Kulturbürokratie?
Wir trauen lieber den Menschen selbst – mit ihrer Neugier, ihrem Geschmack und ihrem Recht, sich frei zu inspirieren.
Denn wahre kulturelle Vielfalt braucht keine Abgaben – sie braucht Freiraum.
Kreuzverhör
Fragen der Pro-Seite
Dritter Redner der Pro-Seite (an ersten Redner der Contra-Seite):
Sie behaupten, der Markt entscheide besser als Ministerien. Gut. Dann erklären Sie mir bitte: Warum produziert Netflix in Deutschland vor allem englischsprachige Serien wie 1899 oder Barbarians, obwohl hier über 80 Millionen deutschsprachige Menschen leben? Ist das wirklich der „freie Wille des Marktes“ – oder der Wille eines US-Konzerns, der globale Skaleneffekte maximiert?
Erster Redner der Contra-Seite:
Das liegt nicht am Staat, sondern an der globalen Strategie von Netflix. Aber sehen Sie: Dark war deutschsprachig und wurde trotzdem weltweit zum Hit – ohne Zwangsabgaben! Der Erfolg zeigt, dass Qualität sich durchsetzt, wenn sie Raum hat.
Dritter Redner der Pro-Seite (an zweiten Redner der Contra-Seite):
Interessant. Sie sagen also, Dark brauchte keine Förderung. Aber wussten Sie, dass die Schöpfer von Dark zuvor mit öffentlichen Mitteln des Medienboards Berlin-Brandenburg gefördert wurden? Ohne diese frühe Unterstützung hätten sie nie das Drehbuch fertiggestellt. Gestehen Sie zu: Selbst Ihre Lieblingsbeispiele für „freie“ Kultur stehen auf staatlich geförderten Schultern?
Zweiter Redner der Contra-Seite:
Wir leugnen nicht, dass frühere Förderungen existierten. Aber das ändert nichts daran, dass heutige Streaming-Giganten wie Spotify oder Amazon Prime nicht dieselbe Struktur haben wie regionale Filmfonds. Eine pauschale Abgabe ist wie ein Gießkannenprinzip – sie trifft alle, egal ob sie lokal produzieren oder nicht.
Dritter Redner der Pro-Seite (an vierten Redner der Contra-Seite):
Dann lassen Sie uns konkret werden: Wenn Sie gegen höhere Abgaben sind, weil sie „sozial ungerecht“ seien – würden Sie dann zustimmen, dass Streaming-Dienste zumindest einen fairen Anteil an der bestehenden Kulturförderung tragen sollten, solange sie denselben Markt nutzen wie ARD oder ZDF? Oder gilt für Sie: Privilegien ja, Pflichten nein?
Vierter Redner der Contra-Seite:
Wir plädieren für eine Neuausrichtung der gesamten Medienförderung – weg von nationalen Quoten, hin zu thematischer Vielfalt. Aber eine Sonderabgabe nur für Streaming-Dienste? Das ist willkürlich. Warum nicht auch TikTok? Warum nicht Instagram Reels? Sobald Sie „national“ definieren, schließen Sie transnationale Künstler:innen aus – etwa eine deutsch-türkische Rapperin, die auf Englisch performt. Ist das noch „national“?
Zusammenfassung des Kreuzverhörs der Pro-Seite
Die Contra-Seite weicht aus, wo es um Verantwortung geht. Sie feiert Dark – vergisst aber, dass es auf staatlicher Förderung aufbaute. Sie redet vom „freien Markt“, ignoriert aber, dass dieser Markt von wenigen Konzernen dominiert wird, die Inhalte nach Profit, nicht nach Vielfalt kuratieren. Und sobald wir nach Fairness fragen, ziehen sie sich auf hypothetische Extremfälle zurück. Doch die Realität ist einfach: Wer profitiert, muss auch beitragen. Alles andere ist digitale Trittbrettfahrerei.
Fragen der Contra-Seite
Dritte Rednerin der Contra-Seite (an ersten Redner der Pro-Seite):
Sie fordern höhere Abgaben zur Förderung „nationaler Kulturgüter“. Schön. Aber wer definiert, was „national“ ist? Ist ein Film über queere Liebe in Köln „national“, wenn er von einer polnischen Regisseurin gedreht wird? Oder verliert er seinen Status, sobald ein Charakter Türkisch spricht? Gestehen Sie zu: Sobald der Staat „national“ definiert, beginnt er, Kultur zu regulieren – und damit zu begrenzen?
Erster Redner der Pro-Seite:
Natürlich! „National“ meint nicht ethnisch oder sprachlich rein – sondern kulturell verankert. Ein Werk ist national, wenn es hier entsteht, hier gedacht wird, hier produziert wird – unabhängig von Herkunft oder Sprache. Die deutsche Kulturförderung fördert längst postmigrantische Projekte, queere Formate, internationale Koproduktionen. Es geht um Herkunft des Werks, nicht um Blut oder Akzent.
Dritte Rednerin der Contra-Seite (an zweiten Redner der Pro-Seite):
Dann folgen Sie mir bitte weiter: Wenn „Herkunft des Werks“ zählt – müssten dann nicht auch YouTube-Kreative, TikTok-Artists oder Indie-Podcaster in diese Abgabe einbezogen werden? Denn die produzieren ebenfalls „nationale Kulturgüter“, oft mit mehr Reichweite als staatlich subventionierte Theater. Warum zielen Sie nur auf große Plattformen – ist das nicht eher eine bequeme Sündenbockpolitik?
Zweiter Redner der Pro-Seite:
Weil Skaleneffekte Verantwortung schaffen! Ein TikTok-Creator mit 10.000 Followern nutzt Infrastruktur – aber nicht in dem Maße wie Amazon, das jährlich Milliarden verdient und unsere Bandbreite, unser Rechtssystem und unser Publikum ausschöpft. Wir sprechen von systemrelevanten Playern, nicht von Einzelpersonen. Ihre Analogie ist so sinnvoll, als würden Sie Ford bitten, genauso viel CO₂-Abgabe zu zahlen wie ein Fahrradfahrer.
Dritte Rednerin der Contra-Seite (an vierten Redner der Pro-Seite):
Letzte Frage: Angenommen, Ihre Abgabe wird eingeführt – und ein Streaming-Dienst beschließt, sein deutsches Angebot zu reduzieren, weil die Kosten zu hoch sind. Wer leidet dann? Nicht die CEOs in Kalifornien. Sondern junge Deutsche, die plötzlich keinen Zugang mehr zu internationalen Inhalten haben. Sind Sie bereit, diesen Preis zu zahlen – für eine Idee von „Kultur“, die vielleicht niemand außer Kulturbeamten vermisst?
Vierter Redner der Pro-Seite:
Diese Angst ist alt – und falsch. Frankreich hat höhere Abgaben, und französische Jugendliche schauen trotzdem Stranger Things. Die Abgabe ist marginal – 1–2 % des Umsatzes. Kein Dienst zieht sich deshalb zurück. Im Gegenteil: Netflix investiert heute mehr in Europa denn je – gerade weil klare Regeln Verlässlichkeit schaffen. Ihre Horrorvision ist Marketing, kein Szenario.
Zusammenfassung des Kreuzverhörs der Contra-Seite
Die Pro-Seite weicht geschickt aus, wenn es um Definitionen geht – „national“ wird plötzlich zum flexiblen Gummibegriff. Doch sobald wir nach Konsistenz fragen, bricht ihr System zusammen: Warum nur Streaming-Dienste? Warum nicht alle digitalen Akteure? Und wenn sie sagen, es gehe um „Skaleneffekte“ – warum dann nicht auch Apple, Google oder Meta? Ihre Lösung ist selektiv, nicht systemisch. Und ihre Behauptung, Abgaben schadeten nicht, beruht auf blindem Glauben an staatliche Planung – nicht auf realer Marktlogik. Kultur gedeiht dort, wo Freiheit herrscht – nicht dort, wo Abgaben gezahlt werden.
Freie Debatte
Erster Redner der Pro-Seite:
Liebe Contra-Seite, Sie reden von „Freiheit“ – aber was ist frei daran, wenn ein Algorithmus entscheidet, dass Ihre Tochter in Berlin nur noch Serien sieht, in denen alle Probleme mit einem Superheldenkostüm gelöst werden? Freiheit ohne Vielfalt ist nur eine andere Form der Monokultur. Und ja, Dark war ein Welterfolg – aber vergessen Sie nicht: Ohne Fördergelder vom Medienboard Berlin-Brandenburg wäre diese Serie nie entstanden. Netflix hat sie global vermarktet, aber das kreative Rückgrat kam aus öffentlichen Mitteln. Warum also sollen Plattformen, die heute Milliarden verdienen, nicht 1–2 % zurückgeben? Das ist keine Zwangsabgabe – das ist digitale Solidarität.
Erste Rednerin der Contra-Seite:
Ach, jetzt wird Dark zum Beweis für staatliche Weitsicht? Die Serie wurde gefördert – ja. Aber sie wurde auch deshalb erfolgreich, weil sie universelle Themen erzählte: Zeit, Familie, Schuld. Nicht weil sie „deutsch genug“ war! Und wenn wir jetzt Abgaben einführen, basierend auf „nationalen Kulturgütern“ – wer definiert das? Der Kulturstaatsminister? Soll er entscheiden, ob ein Film von einer türkisch-deutschen Regisseurin über lesbische Liebe in Neukölln „national wertvoll“ ist? Oder zählt das erst, wenn Heimatklänge dabei sind? Ihre Abgabe schafft nicht Vielfalt – sie schafft Kontrollinstanzen, die genau solche Stimmen aussortieren könnten.
Zweite Rednerin der Pro-Seite:
Genau deshalb brauchen wir transparente, diversitätsorientierte Förderrichtlinien – nicht den freien Markt, der nur das sichtbar macht, was bereits viral ist! Die Contra-Seite übersieht eines: Streaming-Dienste sind keine neutralen Plattformen. Sie sind Akteure mit Marktmacht. Während ARD und ZDF 7 % ihres Etats in Nachwuchsförderung stecken müssen, zahlen Amazon Prime null. Das ist kein Wettbewerb – das ist ein asymmetrischer Krieg gegen lokale Produzent:innen. Und nein, TikTok oder YouTube sind nicht vergleichbar: Sie hosten Inhalte, aber sie produzieren nicht systematisch Blockbuster mit hunderten Millionen Budgets. Wir fordern Abgaben dort, wo die Profite am größten und die Verantwortung am klarsten sind.
Zweiter Redner der Contra-Seite:
„Verantwortung“? Seit wann ist Konsumieren eine Pflicht? Wenn ich einen türkischen Tee trinke, muss ich dann auch für die türkische Teeindustrie spenden? Natürlich nicht! Und genauso wenig sollten Nutzer:innen bestraft werden, weil sie sich für koreanische Dramen oder brasilianische Telenovelas entscheiden. Ihre Logik führt zu einer kulturellen Kopfsteuer: Wer global denkt, zahlt extra. Außerdem – seien wir ehrlich – wenn diese Abgabe kommt, ziehen sich die Plattformen einfach aus kleineren Märkten zurück. Dann gibt es nicht mehr Dark, sondern gar nichts. Ist das Ihr Ziel? Kultur durch Abwesenheit fördern?
Dritter Redner der Pro-Seite:
Interessant: Plötzlich sorgen Sie sich um Dark – obwohl Sie vorhin sagten, der Markt allein mache Erfolge. Widerspruch auf Widerspruch! Aber lassen Sie mich klarstellen: Niemand will Plattformen vertreiben. Frankreich hat seit 2019 eine Abgabe von 2 % – und Netflix produziert heute mehr französische Serien denn je. Warum? Weil klare Rahmenbedingungen Innovation freisetzen, statt sie zu ersticken. Und was Ihre Angst vor staatlicher Willkür angeht: Genau deshalb setzen wir auf unabhängige Gremien mit Künstler:innen, nicht auf Ministerialbeamte. Im Übrigen – wenn Sie so sehr an die Urteilskraft junger Menschen glauben, warum fürchten Sie dann, dass sie ohne deutsche Inhalte ihre Identität verlieren? Entweder sie sind mündig – oder nicht. Entscheiden Sie sich!
Dritte Rednerin der Contra-Seite:
Ah, jetzt wird’s philosophisch! Aber lassen Sie uns bei der Realität bleiben: Ihre „unabhängigen Gremien“ sitzen immer noch in Berlin, Wien oder Bern – und entscheiden über Kultur in einer Welt, in der Identität längst transnational ist. Ein queeres Kind in Hamburg identifiziert sich vielleicht mehr mit einer Serie aus Mexiko-Stadt als mit einem Heimatfilm aus dem Schwarzwald. Ihre Abgabe zementiert Grenzen, die längst porös sind. Und was Frankreich angeht: Ja, sie haben Abgaben – aber sie haben auch eine filmhistorische Tradition, die Deutschland nicht hat. Unsere Stärke ist gerade unsere Offenheit! Warum also ein System kopieren, das auf Exklusion beruht – „français d’abord“ –, wenn wir stattdessen Vorreiter einer neuen, hybriden Kultur sein könnten? Ihre Abgabe ist nicht progressiv – sie ist nostalgisch verkleideter Protektionismus.
Erster Redner der Pro-Seite (erneut):
Nostalgie? Nein – Vorsorge! Wenn wir heute nicht handeln, wird es morgen keine lokalen Geschichten mehr geben, die global erzählt werden können. Denn ohne Förderung entstehen sie gar nicht erst. Und übrigens: Wer sagt, dass „national“ ethnisch oder sprachlich definiert sein muss? In unseren Förderrichtlinien zählt Herkunft nicht – sondern Perspektive. Eine Serie über Geflüchtete in Dresden, gedreht von einem syrisch-deutschen Team, ist genauso „national“, wie ein Film über ostdeutsche Rentner:innen. „National“ heißt hier: aus unserer Gesellschaft erwachsen – nicht: aus unserem Blut. Das ist der Unterschied zwischen kultureller Verankerung und Nationalismus. Den sollten auch Sie kennen.
Erste Rednerin der Contra-Seite (abschließend in dieser Runde):
Dann erklären Sie mir bitte: Warum zwingen Sie diese Teams, über Umwege durch staatliche Töpfe finanziert zu werden, statt sie direkt auf Plattformen zu pushen? Warum vertrauen Sie nicht darauf, dass gute Geschichten – egal woher – ihr Publikum finden? Ihre ganze Argumentation beruht auf der Annahme, dass Kultur ohne staatlichen Druck untergeht. Aber Kultur ist kein Museumsgut – sie ist ein Fluss. Und Flüsse brauchen kein Staubecken, um zu fließen. Sie brauchen Raum. Geben wir ihn ihnen – statt sie in Kanäle zu pressen, nur weil wir Angst haben, sie könnten ins Meer münden.
Schlussrede
Schlussrede der Pro-Seite
Seit Beginn dieser Debatte haben wir einen klaren Kompass: Kultur ist kein Luxusgut für Algorithmen – sie ist ein Grundrecht, das gepflegt werden muss. Und wer massiv von unserem Publikum, unserer Infrastruktur und unserem Rechtsstaat profitiert, trägt auch Verantwortung dafür, dass dieses kulturelle Ökosystem nicht austrocknet.
Die Gegenseite spricht von Freiheit – doch was ist frei an einem Markt, in dem fünf US-amerikanische Konzerne über 80 % der globalen Streaming-Nutzung kontrollieren? Was ist frei, wenn junge Filmemacher:innen gezwungen sind, ihre Drehbücher an Hollywood-Formeln anzupassen, nur um überhaupt gesehen zu werden? Freiheit ohne Vielfalt ist nur eine andere Form der Monokultur.
Wir haben gezeigt: Höhere Abgaben – selbst in bescheidenem Umfang – sind wirtschaftlich tragbar, kulturell wirksam und international erprobt. Frankreich, Kanada, Südkorea: überall dort, wo Plattformen verpflichtet sind, in lokale Inhalte zu investieren, blüht nicht nur die nationale Szene – sie wird global sichtbar. Dark entstand nicht im luftleeren Raum. Sie entstand dank öffentlicher Mittel, dank Filmförderung, dank eines Systems, das sagt: „Deutsche Geschichten zählen.“
Die Contra-Seite hat nie erklärt, warum ausgerechnet Streaming-Dienste von dieser Solidarität ausgenommen sein sollen. Warum zahlen ARD und ZDF Milliarden in Nachwuchsförderung, während Netflix mit derselben Zielgruppe Gewinne einfährt – ohne Gegenleistung? Das ist kein freier Markt. Das ist digitale Trittbrettfahrt.
Und nein – wir definieren nicht „national“ als ethnische Herkunft oder Sprachpurismus. Wir meinen Werke, die hier entstehen, hier gedacht werden, hier gefilmt werden – unabhängig davon, ob die Regisseurin aus Istanbul stammt oder der Protagonist queer ist. Es geht um Produktionsorte, nicht um Passfarben.
Kultur ist kein Museum. Aber sie braucht Räume, in denen sie wachsen kann – Räume, die nicht allein vom Shareholder-Value bestimmt werden. Eine kleine Abgabe ist kein Zoll, kein Zaun, kein Zwang. Sie ist eine Brücke – zwischen Profit und Potenzial, zwischen Globalisierung und Heimatgefühl, zwischen heute und morgen.
Deshalb bitten wir Sie: Unterstützen Sie eine Kulturpolitik, die mutig genug ist, die Digitalisierung nicht nur hinzunehmen – sondern aktiv zu gestalten. Denn wenn wir heute nicht investieren, was bleibt dann morgen zu streamen – außer dem Echo fremder Stimmen?
Schlussrede der Contra-Seite
Die Pro-Seite malt ein dramatisches Bild: eine bedrohte Kultur, kurz vor dem Untergang durch Netflix und Spotify. Doch die Realität sieht anders aus. Kultur stirbt nicht am Mangel an Abgaben – sie stirbt am Mangel an Freiheit. Und genau diese Freiheit gefährdet der Vorschlag der Pro-Seite.
Denn sobald der Staat entscheidet, was „national wertvoll“ ist, beginnt die Zensur – nicht immer laut, oft leise, durch Ausschluss, durch Bürokratie, durch willkürliche Auswahlkomitees. Wer definiert, ob ein Film über eine syrisch-deutsche Familie in Neukölln „deutsch genug“ ist? Wer entscheidet, ob ein Rap-Song auf Türkisch mit Berliner Akzent förderungswürdig ist? Die Pro-Seite weicht dieser Frage seit Beginn aus. Stattdessen beruft sie sich auf vage Begriffe wie „Produktionsort“ – als ob Kultur sich an Grenzen hielte.
Wir haben gezeigt: Die Welt ist längst transnational. Kinder in München lieben koreanische Dramen, weil sie authentisch sind. Jugendliche in Köln identifizieren sich mit brasilianischen Favela-Rappern, weil sie ihre Wut artikulieren. Das ist keine Bedrohung – das ist Bereicherung. Und genau diese Offenheit macht unsere Gesellschaft stark.
Die Pro-Seite behauptet, Abgaben seien harmlos. Doch sie ignoriert die Folgen: Steigende Preise, reduzierte Lizenzen, möglicher Rückzug von Plattformen – besonders aus kleineren Märkten wie der Schweiz oder Österreich. Wer am wenigsten zahlen kann, verliert zuerst den Zugang. Ist das soziale Gerechtigkeit? Oder elitäre Kulturpolitik im neuen Gewand?
Und ja – Dark wurde mit öffentlichen Geldern gefördert. Aber wurde sie deshalb gut? Nein. Sie wurde gut, weil sie universell war: Zeit, Identität, Schuld – Themen, die niemandem gehören. Genau solche Geschichten brauchen keinen nationalen Stempel. Sie brauchen Publikum. Und das finden sie heute global – nicht hinter Quotenmauern.
Wir glauben an eine Kultur, die fließt, nicht zementiert wird. Die sich mischt, statt abzuschotten. Die entsteht, weil jemand etwas zu sagen hat – nicht weil ein Amt es genehmigt.
Deshalb lehnen wir höhere Abgaben ab. Nicht aus Gleichgültigkeit – sondern aus Respekt vor der Vielfalt, die schon da ist. Vor den Menschen, die sie schaffen. Und vor der Zukunft, die wir gemeinsam, offen und ohne staatliche Kuratoren gestalten sollten.
Kultur braucht keine Abgaben. Sie braucht Freiraum. Geben wir ihn ihr.