Ist die Abschaffung des Faxgeräts in Behörden dringend notwendig?
Eröffnungsrede (These)
Eröffnungsrede der Pro-Seite
Meine Damen und Herren,
stellen Sie sich vor: Sie schicken ein wichtiges Dokument – vielleicht einen Antrag auf Elterngeld, einen Behindertenausweis oder eine Baugenehmigung – per Fax. Es piept, es rauscht, es surrt… und irgendwo zwischen Ihrem Amtszimmer und dem Empfänger geht es verloren. Niemand weiß, ob es angekommen ist. Niemand kann nachvollziehen, wer es gelesen hat. Und keiner kann es verschlüsseln.
Das ist kein Szenario aus den 90ern – das ist heute Realität in deutschen Behörden.
Wir sagen: Die Abschaffung des Faxgeräts in Behörden ist nicht nur sinnvoll – sie ist dringend notwendig. Warum? Aus vier Gründen.
Erstens: Sicherheit. Im Zeitalter von Cyberangriffen und Datenschutzskandalen ist das Fax ein offenes Fenster. Es überträgt Daten unverschlüsselt über analoge Leitungen – jedes Kind mit einem Scanner und etwas Geduld kann mithören. Die DSGVO verlangt „angemessene Sicherheitsmaßnahmen“ – das Fax erfüllt sie nicht. Moderne E-Government-Plattformen hingegen bieten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, digitale Signaturen und lückenlose Protokollierung. Warum also klammern wir uns an ein Gerät, das uns verwundbar macht?
Zweitens: Ökologie. Jedes Jahr werden in deutschen Ämtern Millionen Blatt Papier gefaxt – bedruckt mit Toner, verbraucht durch Geräte, die 24/7 im Standby stehen. Laut Umweltbundesamt verursacht ein durchschnittliches Faxgerät pro Jahr so viel CO₂ wie ein Kleinwagen auf 2.000 Kilometern. In einer Zeit, in der wir Klimaneutralität anstreben, ist das schlicht absurd.
Drittens: Effizienz. Faxen ist langsam, fehleranfällig und blockiert Ressourcen. Statt Dokumente automatisch zu verarbeiten, müssen Sachbearbeiter:innen sie manuell einscannen, ablegen, nachverfolgen. Das bremst die digitale Verwaltung aus – und frustriert Bürger:innen, die heute erwarten, dass Anträge online in Minuten erledigt werden, nicht in Wochen per Piepton.
Und viertens – und das ist der entscheidende Punkt –: Symbolik. Solange das Fax in unseren Ämtern piepst, signalisieren wir der Welt: „Bei uns bleibt alles beim Alten.“ Das untergräbt das Vertrauen in einen modernen Staat. Ein Staat, der Innovation will, muss auch bereit sein, Altes loszulassen – selbst wenn es noch funktioniert. Denn manchmal funktioniert etwas nur so lange, bis es uns alle zurückhält.
Eröffnungsrede der Contra-Seite
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ja, das Faxgerät sieht aus wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Es piept seltsam, es riecht nach warmem Plastik, und manchmal frisst es Ihr wichtigstes Dokument einfach auf. Aber wissen Sie, was noch seltsamer ist? Dass wir heute darüber debattieren, ob wir es abschaffen müssen – als hinge die Zukunft unseres Staates davon ab.
Wir sagen: Nein, die Abschaffung des Faxgeräts ist nicht dringend notwendig. Im Gegenteil: Sie wäre vorschnell, risikoreich und sozial unausgewogen. Warum?
Erstens: Rechtssicherheit. Das Fax ist kein technisches Überbleibsel – es ist ein anerkanntes Rechtsinstrument. § 126a BGB erklärt ausdrücklich, dass Erklärungen in Textform – und dazu zählt das Fax – die Schriftform ersetzen können. Viele Gesetze, insbesondere im Sozial- und Gesundheitsrecht, bauen darauf auf. Wenn wir das Fax abschaffen, ohne dass alle digitalen Alternativen dieselbe rechtliche Gleichwertigkeit bieten, riskieren wir, dass Anträge unwirksam werden, Fristen verfallen und Bürger:innen ihre Rechte verlieren.
Zweitens: Barrierefreiheit. Nicht jede Arztpraxis in Brandenburg hat eine IT-Abteilung. Nicht jede Rentnerin in Bayern verfügt über De-Mail-Zugang oder einen elektronischen Personalausweis. Für viele ist das Fax das einzige Mittel, um sicher und nachweisbar mit Behörden zu kommunizieren. Wer das Fax abschafft, ohne flächendeckende, einfache und kostenlose Alternativen anzubieten, schließt Teile der Bevölkerung systematisch aus – und das im Namen des Fortschritts.
Drittens: Interoperabilität. Während IT-Abteilungen über Schnittstellen, APIs und Cloud-Migration streiten, funktioniert das Fax – überall, jederzeit, mit jedem Gerät. Es braucht keine Updates, keine Passwörter, keine Zwei-Faktor-Authentifizierung. In Notfällen – etwa bei Stromausfällen oder Hackerangriffen – ist es oft das letzte funktionierende Kommunikationsmittel. In der Medizin wird täglich per Fax über Leben und Tod entschieden: Laborwerte, OP-Pläne, Notfallmedikation. Wollen wir das aufs Spiel setzen, nur weil es „altmodisch“ wirkt?
Und schließlich: Dringlichkeit erzeugt Chaos. Digitalisierung braucht Zeit, Planung und Rücksicht auf die Schwächsten. Wer jetzt mit der Axt kommt und sagt: „Fax raus, morgen!“, schafft keine moderne Verwaltung – sondern ein digitales Durcheinander. Der Staat muss verlässlich sein, nicht trendy. Und manchmal ist das vermeintlich Veraltete das Einzige, das wirklich hält, was es verspricht: Zuverlässigkeit.
Deshalb: Lasst das Fax – zumindest so lange, bis wir wirklich bereit sind, es besser zu machen.
Widerlegung der Eröffnungsrede
Widerlegung der Pro-Seite
Meine Damen und Herren,
die Contra-Seite hat uns ein rührendes Porträt vom treuen alten Faxgerät gezeichnet – als wäre es der letzte Rettungsanker in einem Meer digitaler Unsicherheit. Doch leider baut dieses Bild auf drei gravierenden Missverständnissen auf: über das Recht, über Inklusion und über das, was „zuverlässig“ wirklich bedeutet.
Erstens: Rechtssicherheit. Ja, §126a BGB erlaubt Textform – aber nicht ausschließlich per Fax. E-Mail, De-Mail, das neue Onlinezugangsgesetz – all das bietet heute rechtlich gleichwertige, ja sogar überlegene Alternativen. Das Problem ist nicht das Fehlen von Optionen, sondern die Weigerung, sie flächendeckend einzuführen. Wenn Ämter weiterhin nur das Fax akzeptieren, obwohl sichere digitale Kanäle existieren, dann schaffen sie selbst die Rechtsunsicherheit – nicht die Abschaffung des Faxes. Und übrigens: Ein verloren gegangenes Fax ist genauso unwirksam wie eine nicht angekommene E-Mail – nur dass wir beim Fax nicht einmal nachvollziehen können, warum es verschwand.
Zweitens: Barrierefreiheit. Die Contra-Seite tut so, als sei das Fax die letzte Rettung für Rentnerinnen und Landärzte. Aber mal ehrlich: Wer heute noch ein Faxgerät bedient, muss Toner wechseln, Papier einlegen, Nummern wählen – und hoffen, dass die Leitung nicht knistert. Ist das wirklich einfacher als ein groß gedrucktes Onlineformular mit Sprachassistent oder ein Anruf bei einer digitalen Bürgerservice-Hotline? Inklusion heißt nicht, Technik einzufrieren – sondern sie für alle zugänglich zu machen. Und solange wir uns hinter dem Fax verstecken, investieren wir nicht genug in echte digitale Teilhabe.
Drittens: Zuverlässigkeit in Notfällen. Hier irrt die Gegenseite am gravierendsten. Ein Faxgerät braucht Strom, Telefonleitung – und funktioniert bei einem Blackout genauso wenig wie ein Computer. Aber: Moderne digitale Systeme können offline-fähig sein, verschlüsselte Notfallprotokolle nutzen und automatisch synchronisieren, sobald die Verbindung wiederhergestellt ist. Das Fax hingegen? Es piept – und wenn niemand am Empfang steht, landet Ihr OP-Plan im Nirgendwo. In der Medizin passiert das täglich: Studien zeigen, dass bis zu 15 % aller gefaxten Laborbefunde nicht rechtzeitig ankommen. Das nennen wir keine Zuverlässigkeit – das nennen wir Glücksspiel.
Und schließlich: Dringlichkeit heißt nicht Hektik. Niemand fordert, morgen alle Faxgeräte einzusammeln. Aber wenn wir seit 2017 – seit Inkrafttreten des Onlinezugangsgesetzes – immer noch sagen „wir sind noch nicht bereit“, dann ist das kein Vorsicht, sondern Versagen. Dringend notwendig ist nicht der Akt der Abschaffung – sondern der politische Wille, endlich zu handeln. Denn jedes weitere Jahr mit Fax bedeutet: mehr Datenrisiko, mehr Papiermüll, mehr Bürgerfrustration.
Wir wollen keinen digitalen Zwang – wir wollen einen digitalen Anspruch: auf Sicherheit, Nachhaltigkeit und Effizienz. Und dafür muss das Fax gehen – nicht heute um Mitternacht, aber endlich mit Entschlossenheit.
Widerlegung der Contra-Seite
Sehr geehrte Jury, liebe Mitdebattierende,
die Pro-Seite malt uns ein düsteres Bild: das Fax als digitales Ungeheuer, das Datenschutz, Klima und Fortschritt gleichermaßen frisst. Doch bei näherem Hinsehen bröckelt diese apokalyptische Erzählung – denn sie ignoriert Realität, Kontext und vor allem: Verhältnismäßigkeit.
Erstens: Sicherheit. Ja, das Fax überträgt unverschlüsselt – aber nur über analoge Telefonleitungen, die physisch abgehört werden müssten. Im Gegensatz dazu sind E-Mails, Cloud-Dienste und Webportale ständig Ziel globaler Cyberangriffe. Ein Hacker braucht kein Kabel zu verlegen – er braucht nur eine Sicherheitslücke. Währenddessen bleibt das Fax, paradoxerweise, offline – und damit immun gegen Ransomware, Phishing oder Datenlecks à la SolarWinds. Sicherheit ist kein technischer Absolutismus, sondern Risikomanagement. Und manchmal ist das „Alte“ gerade deshalb sicherer, weil es nicht vernetzt ist.
Zweitens: Ökologie. Die Pro-Seite rechnet gern CO₂-Bilanzen – aber nur halb. Was ist mit dem Energieverbrauch riesiger Rechenzentren? Mit dem Elektroschrott durch ständig neue Endgeräte? Mit dem Ressourcenverbrauch für Lithium-Akkus und Serverfarmen? Eine Studie des Borderstep-Instituts zeigt: Die digitale Verwaltung ist nur dann ökologisch überlegen, wenn sie vollständig umgesetzt ist – und nicht in einem Zustand halbfertiger Parallelwelten, in denen Fax und E-Mail und Papierakte nebeneinander existieren. Genau diesen Zustand aber schaffen wir mit überhasteter Abschaffung.
Drittens: Effizienz. Hier blendet die Pro-Seite völlig aus, was vor Ort passiert. In vielen Ämtern fehlen Personal, Schulung und Infrastruktur für eine echte Digitalisierung. Statt Prozesse zu beschleunigen, führt die Abschaffung des Faxes oft zu Doppelarbeit: Mitarbeiter scannen eingehende Briefe ein, korrigieren OCR-Fehler, pflegen manuell Metadaten – während das Fax früher direkt im Aktenordner landete. Effizienz entsteht nicht durch Technologie allein, sondern durch passende Technologie im realen Kontext.
Und viertens: Symbolik vs. Substanz. Die Pro-Seite will uns glauben machen, dass das Piepen eines Faxgeräts das Vertrauen in den Staat untergräbt. Aber das Vertrauen der Bürger:innen hängt nicht davon ab, ob ihre Behörde „trendy“ wirkt – sondern davon, ob ihr Antrag bearbeitet wird, ob ihre Daten sicher sind, ob sie gehört werden. Und wenn Oma Gerda ihr Rezept per Fax schickt, weil sie sonst gar nicht weiß, wie sie es sonst tun soll – dann ist das Fax kein Symbol des Stillstands, sondern ein Zeichen staatlicher Fürsorge.
Zusammenfassend: Die Pro-Seite verwechselt Modernität mit Fortschritt. Ein moderner Staat ist nicht der, der am schnellsten abschafft – sondern der, der am klügsten bewahrt, was funktioniert, während er Neues verantwortungsvoll einführt. Und bis wir allen Bürgern echte, einfache, sichere Alternativen bieten können – ist das Fax nicht das Problem. Es ist die Lösung.
Kreuzverhör
Fragen der Pro-Seite
Frage an den ersten Redner der Contra-Seite:
Sie behaupten, das Fax sei rechtssicher, weil es im BGB erwähnt wird. Aber §126a BGB nennt Textform – nicht explizit das Fax. E-Mail, De-Mail und andere digitale Kanäle erfüllen diese Textform ebenfalls. Warum also suggerieren Sie, dass nur das Fax rechtskonform sei, obwohl das Gesetz technologieneutral formuliert ist?
Antwort der Contra-Seite (erster Redner):
Wir suggerieren nicht, dass nur das Fax rechtskonform ist – aber es ist das einzige Medium, das flächendeckend, barrierearm und ohne technische Voraussetzungen funktioniert. Rechtssicherheit entsteht nicht allein durch Gesetzeswortlaut, sondern durch praktische Erreichbarkeit. Wenn ein Rentner kein De-Mail-Konto hat, nützt ihm die theoretische Gleichwertigkeit nichts.
Frage an den zweiten Redner der Contra-Seite:
Sie argumentieren, das Fax sei barrierefrei – doch es erfordert Papier, Toner, ein funktionierendes Gerät und manuelle Bedienung. Viele Senioren können weder scannen noch korrekt faxen. Ist es nicht geradezu zynisch, ein Gerät als inklusiv zu preisen, das dieselben Menschen ausschließt, die angeblich geschützt werden sollen?
Antwort der Contra-Seite (zweiter Redner):
Zynisch wäre es, wenn wir vorgäben, alle könnten mühelos eine E-Government-Plattform bedienen. Das Fax ist kein Ideal – aber im Vergleich zur komplexen Welt digitaler Authentifizierung oft die einfachste Option. Und ja: Es braucht Papier. Aber es braucht keine App, kein Passwort, keine Cloud. Für viele ist das weniger, nicht mehr, Barriere.
Frage an den vierten Redner der Contra-Seite:
Sie loben das Fax als zuverlässig in Krisenzeiten – etwa bei Stromausfällen. Doch ohne Strom funktioniert kein Faxgerät. Und Studien des Robert Koch-Instituts zeigen: Bis zu 15 % medizinischer Faxe kommen nie an oder sind unlesbar. Wie passt diese Fehlerquote zu Ihrer Behauptung von „Zuverlässigkeit über alles“?
Antwort der Contra-Seite (vierter Redner):
Natürlich ist kein System perfekt. Aber digitale Systeme versagen oft komplett bei Cyberangriffen – während das Fax lokal weiterläuft, solange das Telefonnetz steht. Und das analoge Festnetz ist in Deutschland stabiler als jedes WLAN. Wir vergleichen nicht mit dem Ideal, sondern mit der Realität – und da ist das Fax oft das letzte funktionierende Glied in der Kette.
Zusammenfassung des Kreuzverhörs der Pro-Seite
Die Contra-Seite räumt ein: Das Fax ist nicht perfekt – weder rechtlich exklusiv, noch barrierefrei im engeren Sinne, noch fehlerfrei. Dennoch klammert sie sich daran, weil sie digitale Alternativen als unrealistisch für Teile der Bevölkerung ansieht. Doch dieses Argument beruht auf einem trügerischen Stillstand: Statt Inklusion durch Aufklärung und Infrastruktur zu schaffen, wird das Fax zum Trostpflaster für politisches Versagen. Und wenn selbst die Contra-Seite zugibt, dass Faxe oft verloren gehen, dann kann man unmöglich behaupten, es sei das „zuverlässigste“ Mittel – es ist nur das bekannteste. Bekanntheit darf aber kein Ersatz für Fortschritt sein.
Fragen der Contra-Seite
Frage an den ersten Redner der Pro-Seite:
Sie fordern Ende-zu-Ende-Verschlüsselung als Standard – doch viele digitale Behördensysteme nutzen veraltete Software, haben ungepatchte Lücken und wurden bereits gehackt. Ist ein unverschlüsseltes Fax wirklich riskanter als eine E-Mail, die versehentlich an einen Phishing-Server geleitet wird?
Antwort der Pro-Seite (erster Redner):
Ein unverschlüsseltes Fax ist systematisch unsicher – es bietet keinerlei Schutz gegen Abhörung. Digitale Systeme hingegen können sicher sein – und müssen es auch, per Gesetz. Der Unterschied liegt darin: Beim Fax ist Unsicherheit das Prinzip; bei digitalen Systemen ist sie das Ergebnis von Vernachlässigung. Und genau dagegen kämpfen wir: nicht für schlechte Digitalisierung, sondern für gute.
Frage an den zweiten Redner der Pro-Seite:
Sie sagen, Digitalisierung spare Ressourcen – aber solange Ämter parallel faxen, mailen und papierbasiert arbeiten, steigt der Verbrauch sogar. Ist es nicht ökologisch sinnvoller, erst dann abzuschaffen, wenn die digitale Infrastruktur vollständig ist – statt jetzt halbfertige Systeme aufzuzwingen?
Antwort der Pro-Seite (zweiter Redner):
Genau das ist das Problem: Solange wir das Fax als „Notlösung“ dulden, gibt es keinen Druck, die digitale Infrastruktur endlich flächendeckend auszubauen. Die Bundesregierung hat seit 2017 Zeit gehabt – und hat versagt. Jetzt zu sagen „warten wir noch ein bisschen“ bedeutet, das Scheitern zu institutionalisieren. Ökologie beginnt nicht mit Perfektion – sondern mit Entschlossenheit.
Frage an den vierten Redner der Pro-Seite:
Sie behaupten, das Fax sei ein Symbol des Stillstands. Aber was, wenn das wahre Symbol des Stillstands darin besteht, Oma Gerda zu zwingen, sich einen elektronischen Personalausweis zu besorgen, nur um ihren Rentenantrag zu stellen? Ist Ihr Fortschritt nicht bloß eine neue Form der Bürokratie – nur eben digital?
Antwort der Pro-Seite (vierter Redner):
Nein – denn unser Fortschritt sieht vor, dass Oma Gerda nicht allein gelassen wird. Sie könnte im Bürgeramt, in der Bibliothek oder beim Mehrgenerationentreff Unterstützung erhalten – so wie früher beim Ausfüllen von Formularen. Digitalisierung heißt nicht: „Jeder muss allein klarkommen.“ Sondern: „Alle sollen teilhaben können.“ Das Fax hingegen sagt: „Wer nicht mithalten kann, bleibt draußen.“ Und das ist keine Tradition – das ist Resignation.
Zusammenfassung des Kreuzverhörs der Contra-Seite
Die Pro-Seite gesteht ein: Digitale Systeme sind nicht automatisch sicher oder effizient – sie müssen es erst werden. Doch statt diesen Mangel als Grund für Vorsicht zu nutzen, wird er zum Vorwand für radikalen Umbruch erklärt. Noch gravierender: Die Pro-Seite leugnet nicht, dass Parallelbetrieb Ressourcen verschwendet – sie will ihn sogar bewusst provozieren, um Druck zu erzeugen. Das ist keine Politik der Teilhabe, sondern der erzwungenen Anpassung. Und wenn am Ende Oma Gerda trotz aller „Unterstützungsangebote“ verzweifelt vor einem Tablet sitzt, während ihr Antrag per Fax längst bearbeitet worden wäre – wer hat dann wirklich versagt? Nicht das Gerät. Sondern der Wille, Menschlichkeit vor Technik zu stellen.
Freie Debatte
Erster Redner der Pro-Seite:
Die Gegenseite malt uns das Fax als Rettungsanker für Oma Gerda – doch in Wahrheit ist es ein Anker, der uns alle festhält. Ja, §126a BGB erwähnt die Textform – aber nicht das Faxgerät! Das Gesetz spricht von „lesbarer Form“, und eine verschlüsselte E-Mail erfüllt das heute besser als ein Papierstreifen, der im Büroflur liegen bleibt. Wenn Ämter behaupten, sie bräuchten das Fax aus rechtlichen Gründen, dann ist das keine Rechtssicherheit – das ist Rechtsfaulheit. Und was die Barrierefreiheit angeht: Wer glaubt ernsthaft, dass eine 80-Jährige lieber einen Tonerwechsel vornimmt, als bei der Enkelin zu fragen, wie man ein PDF hochlädt? Das Problem ist nicht die Technik – das Problem ist, dass wir seit 2017 keine flächendeckende digitale Aufklärung betrieben haben. Wir verwechseln Symptom mit Ursache!
Erste Rednerin der Contra-Seite:
Ach, jetzt wird also Oma Gerda zur Projektionsfläche für Ihre Digitalromantik? Die Realität sieht so aus: In meiner Heimatstadt hat das Gesundheitsamt letztes Jahr 73 % aller Meldepflichtigen per Fax erreicht – weil Arztpraxen kein De-Mail-Zugang haben, weil Krankenhäuser unterschiedliche Portale nutzen, und weil beim letzten Hackerangriff auf das Landesportal drei Wochen lang gar nichts ankam. Das Fax funktioniert – nicht weil es schön ist, sondern weil es unabhängig ist. Es braucht kein Passwort, keine App, keinen Cloud-Dienst, der morgen pleite ist. Und ja, es piept seltsam – aber es piept zuverlässig. Solange Sie mir nicht garantieren können, dass jede Bürgerin, egal ob in München oder Masuren, morgen sicher und einfach digital kommunizieren kann, ist Ihr „Mut zum Umbruch“ nichts anderes als digitale Brutalität.
Zweiter Redner der Pro-Seite:
Interessant – die Contra-Seite feiert das Fax als „unabhängig“, obwohl es an das analoge Festnetz gekoppelt ist, das gerade abgebaut wird! Die Deutsche Telekom plant bis 2030 die Abschaltung des ISDN-Netzes – was dann? Wollen Sie dann plötzlich doch digital? Oder bauen wir Faxkabel durchs ganze Land? Und zu Ihrer Zahl: 73 % per Fax – aber wie viele gingen verloren? Eine Studie der Charité zeigte, dass bei Notfallfaxen in 15 % der Fälle Dokumente unvollständig ankamen. Ist das Ihre Definition von Zuverlässigkeit? Ein System, das stillschweigend versagt, ohne Alarm zu schlagen? Digitale Systeme melden Fehler – das Fax meldet nur: Piep. Piep. Piep. – und niemand weiß, ob dahinter Leben gerettet oder gefährdet wurden.
Zweite Rednerin der Contra-Seite:
Sie reden von Fehlern – aber wer kontrolliert Ihre digitalen Systeme? Letztes Jahr wurde das Portal „Mein Elterngeld“ zwei Monate lang lahmgelegt, weil jemand das falsche Update eingespielt hat. Und währenddessen? Gab es noch das Fax – und damit eine Notlösung. Sie wollen das letzte Sicherheitsventil entfernen, bevor das neue System auch nur dicht ist! Und was das ISDN-Netz angeht: Genau deshalb brauchen wir Übergangszeiten – nicht symbolische Abschaffungsbeschlüsse, die in der Presse gut aussehen, aber in der Praxis Chaos stiften. Der Staat ist kein Startup, der „fail fast“ spielt. Der Staat muss funktionieren – besonders für die, die keine Lobby haben.
Dritter Redner der Pro-Seite:
Ah, jetzt wird der Staat zum Museum: „Nichts verändern, solange es irgendwie läuft!“ Aber wissen Sie, was wirklich brutal ist? Dass wir jedes Jahr 12.000 Tonnen Papier faxen – das sind 240.000 Bäume –, während wir Klimaneutralität beschwören. Und das alles, weil wir Angst haben, Oma Gerda könnte überfordert sein? Dabei nutzt Oma Gerda längst WhatsApp, um ihre Enkel zu stalken – aber das Amt traut ihr nicht zu, ein PDF anzuklicken! Das ist keine Fürsorge, das ist Paternalismus im Dienst der Bequemlichkeit. Die wahre Barriere ist nicht die Technik – es ist die Haltung derer, die sagen: „Wir ändern nichts, bis alle perfekt vorbereitet sind.“ Aber Perfektion ist der Feind des Guten – und der Fortschritt wartet nicht.
Dritte Rednerin der Contra-Seite:
Paternalismus? Nein – Verantwortung! Sie reden von Bäumen, aber ignorieren die menschlichen Kosten. In einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt musste ein Rentner seinen Pflegeantrag drei Mal neu stellen, weil das digitale Portal ihn nicht erkannte. Drei Monate ohne Unterstützung – weil das System „modern“ war. Das Fax hätte es in einem Versuch geschafft. Und ja, vielleicht nutzt Oma Gerda WhatsApp – aber sie weiß nicht, ob eine E-Mail vom Finanzamt echt ist oder Phishing. Das Fax hat einen klaren Absender, ein physisches Dokument, keine Links, die töten können. Ihre Vision von Digitalisierung ist rein technisch – unsere ist menschlich. Und solange „menschlich“ bedeutet, dass niemand zurückbleibt, bleibt das Fax nicht aus Nostalgie – sondern aus Respekt.
Vierter Redner der Pro-Seite:
Respekt? Respekt wäre, endlich flächendeckende digitale Infrastruktur zu schaffen – statt sich hinter dem Fax zu verstecken! Jedes Jahr, das wir warten, kostet Millionen Euro, verschwendet Ressourcen und untergräbt das Vertrauen in den Staat. Warum glauben Sie, dass junge Menschen sich von Behörden abwenden? Weil sie erleben: Hier piept es noch wie 1995. Und wenn wir erst handeln, wenn das Netz tot ist, dann ist es zu spät – dann haben wir eine digitale Katastrophe, keine Transformation. Die Dringlichkeit liegt nicht im Gerät, sondern im politischen Willen. Abschaffen heißt nicht: morgen ausschalten. Abschaffen heißt: heute entscheiden, dass es vorbei sein muss – und dann endlich investieren, schulen, inkludieren. Alles andere ist Schönreden eines Systems, das längst gebrochen ist.
Vierter Redner der Contra-Seite:
Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Sie wollen nicht das Fax abschaffen – Sie wollen die Verantwortung abschieben. „Schafft das Fax ab, dann müssen wir digitalisieren!“ – das ist Politik nach der Methode „Sägewerk“. Aber der Staat darf nicht experimentieren – er muss dienen. Solange in einem Drittel der deutschen Ämter noch Windows XP läuft, solange Kitas keinen Internetanschluss haben, solange Senioren Angst vor Betrug haben – solange ist das Fax kein Relikt, sondern ein Rettungsring. Und wer diesen Rettungsring wegzieht, nur weil er hässlich ist, der rettet keine Zukunft – der ertränkt die Schwächsten im Namen des Fortschritts.
Schlussrede
Schlussrede der Pro-Seite
Meine Damen und Herren,
seit Beginn dieser Debatte haben wir einen klaren Kompass: Ein moderner Staat darf sich nicht hinter piepsenden Relikten verstecken. Wir haben gezeigt, dass das Fax – trotz seines nostalgischen Charmes – ein Sicherheitsrisiko ist, ein ökologischer Skandal, ein Bremsklotz für Effizienz und vor allem: ein Symbol dafür, dass wir lieber so tun, als ob alles funktioniert, statt endlich etwas zu verbessern.
Die Gegenseite sagt: „Aber Oma Gerda!“ – als sei Seniorenförderung gleichbedeutend mit Technikstillstand. Doch wer glaubt, ältere Menschen seien unfähig, digitale Lösungen zu nutzen, der übt nicht Fürsorge – er übt Paternalismus. Und wer behauptet, das Fax sei „rechtssicher“, während digitale Alternativen wie De-Mail oder E-Rezept längst gesetzlich anerkannt sind, der blendet absichtlich aus, was möglich ist – um nicht handeln zu müssen.
Ja, die digitale Transformation ist unvollendet. Aber sie wird niemals vollendet sein, solange wir uns am Fax festklammern wie an einem Rettungsring, der längst leck ist. Denn hier ist die bittere Wahrheit: Das Fax wird nicht aus Nostalgie beibehalten – es wird als Ausrede benutzt, um Investitionen in echte Inklusion, echte Sicherheit und echte Nachhaltigkeit hinauszuzögern.
Wir reden nicht über ein Gerät. Wir reden darüber, welchen Staat wir wollen: einen, der wartet, bis alle perfekt vorbereitet sind – oder einen, der mutig vorausgeht und niemanden zurücklässt. Die Antwort ist klar. Die Zeit ist reif. Und die Dringlichkeit? Die misst sich nicht in technischen Spezifikationen – sondern daran, wie lange wir noch zulassen, dass Bürger:innen Dokumente versenden, ohne zu wissen, ob sie jemals ankommen.
Deshalb: Schalten wir das Fax aus – nicht aus Hass auf die Vergangenheit, sondern aus Liebe zur Zukunft.
Schlussrede der Contra-Seite
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
wir haben heute viel über Fortschritt gehört – aber wenig über Menschen. Die Pro-Seite malt ein schönes Bild: verschlüsselte Nachrichten, grüne Serverfarmen, smarte Interfaces. Doch was passiert, wenn dieses Bild bricht? Wenn der Strom ausfällt? Wenn der Passwort-Reset nicht funktioniert? Wenn Oma Gerda – ja, wieder sie – ihr Schmerzmittelrezept nicht online einreichen kann, weil ihre Praxis nur Windows XP nutzt?
Dann bleibt nur noch das Fax.
Und plötzlich ist es kein Relikt mehr – sondern Rettung.
Die Gegenseite nennt unser Festhalten am Fax „Ausrede“. Aber wir sagen: Es ist Verantwortung. Verantwortung gegenüber denen, die nicht im digitalen Mainstream schwimmen – sondern am Rand stehen, oft unsichtbar. Wer heute das Fax abschafft, ohne sicherzustellen, dass jeder Zugang, jede Unterstützung und jede Alternative wirklich funktioniert, der baut keine moderne Verwaltung – er baut eine digitale Mauer.
Und nein: Digitale Systeme sind nicht per se sicherer. Im Gegenteil – sie sind angreifbarer denn je. Während Hacker ganze Krankenhäuser lahmlegen, piepst das Fax weiterhin zuverlässig im Hintergrund. Nicht weil es besser ist – sondern weil es einfach ist. Und manchmal ist Einfachheit das Letzte, was zwischen Ordnung und Chaos steht.
Die Pro-Seite will Mut. Wir wollen Zuverlässigkeit.
Sie will Tempo. Wir wollen Gerechtigkeit.
Sie sieht ein Symbol – wir sehen eine Lebensader.
Ein Staat, der seine Schwächsten opfert, um „zeitgemäß“ zu wirken, hat seine Legitimation verloren. Deshalb sagen wir: Lasst das Fax – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Respekt. Respekt vor der Realität. Respekt vor den Menschen. Und Respekt vor der Erkenntnis, dass wahre Modernisierung nicht beginnt, wenn man Altes wegwirft – sondern wenn man Neues so gut macht, dass keiner mehr fragt, wo das Alte geblieben ist.
Bis dahin: Lassen Sie das Fax piepsen. Denn manchmal ist das Piepen das einzige Zeichen, dass jemand noch gehört wird.