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Sollten öffentliche Gelder nur für Open-Source-Software ausgegeben werden?

Eröffnungsrede (These)

Eröffnungsrede der Pro-Seite

Meine Damen und Herren, verehrte Jury, liebe Gegnerseite – heute geht es nicht um Codezeilen, sondern um Macht. Um die Frage: Wer kontrolliert die digitale Infrastruktur, auf der unser aller Leben ruht? Unsere Antwort ist klar: Öffentliche Gelder dürfen ausschließlich für Open-Source-Software ausgegeben werden. Warum? Weil Software, die mit unseren Steuern bezahlt wird, uns allen gehören muss – nicht einem Konzern, nicht einem Geheimhaltungsvertrag, sondern der Öffentlichkeit.

Erstens: Transparenz ist das Fundament demokratischer Legitimität. Wenn der Staat ein Steuersystem, eine Wahlplattform oder eine Polizeidatenbank entwickelt – und dafür unsere Steuergelder nutzt –, dann haben wir das Recht, zu sehen, wie diese Systeme arbeiten. Proprietäre Software ist ein schwarzer Kasten. Open Source ist ein offenes Buch. In einer Demokratie darf kein Algorithmus über unser Schicksal entscheiden, den niemand prüfen darf.

Zweitens: Langfristige Kostenersparnis und digitale Souveränität. München hat es vorgemacht: Mit LiMux sparte die Stadt über 10 Millionen Euro – und wurde unabhängig von Microsoft-Lizenzen. Proprietäre Software bindet Behörden an einzelne Anbieter, führt zu jährlichen Lizenzgebühren und macht uns erpressbar. Open Source hingegen ermöglicht es jedem lokalen IT-Dienstleister, Wartung und Weiterentwicklung zu übernehmen. Das stärkt nicht nur den Mittelstand – es sichert unsere nationale digitale Unabhängigkeit.

Drittens: Sicherheit durch Gemeinschaft. Der Heartbleed-Bug wurde 2014 in OpenSSL entdeckt – ja, das war ein Schock. Aber genau darin liegt die Stärke von Open Source: Sobald der Fehler öffentlich war, halfen tausende Entwickler weltweit bei der Reparatur. Bei proprietärer Software hingegen warten wir auf den guten Willen eines Unternehmens – wie beim SolarWinds-Hack, der monatelang unentdeckt blieb, weil niemand außerhalb des Konzerns den Code sehen durfte.

Und viertens: Innovation durch Teilhabe. Open Source ist kein Almosen – es ist ein Ökosystem. Wenn eine Kommune eine Verwaltungssoftware entwickelt und sie öffentlich teilt, profitieren hunderte andere Städte davon. So entsteht kollektive Intelligenz. Proprietäre Modelle dagegen zwingen jede Behörde, das Rad neu zu erfinden – mit unseren Steuergeldern!

Manche werden sagen: „Aber was, wenn Open Source nicht ausgereift genug ist?“ Unsere Antwort: Dann investieren wir gezielt in ihre Reife – mit denselben Steuergeldern, die sonst in Lizenzabos versickern. Denn am Ende geht es nicht um Technik – es geht um Vertrauen. Und Vertrauen verdient nur, wer offen ist.

Eröffnungsrede der Contra-Seite

Vielen Dank. Meine Damen und Herren – stellen Sie sich vor, Sie bräuchten eine lebensrettende Operation. Würden Sie darauf bestehen, dass der Chirurg nur Werkzeuge benutzt, deren Baupläne jeder auf GitHub herunterladen kann? Oder würden Sie lieber das beste Instrument wählen – egal, ob dessen Design patentgeschützt ist?

Genau darum geht es hier. Wir lehnen die These ab: Öffentliche Gelder sollten nicht ausschließlich für Open-Source-Software ausgegeben werden, denn gute Politik folgt dem Prinzip der Effektivität – nicht der Ideologie.

Erstens: Pragmatismus vor Dogma. Es gibt Bereiche, in denen proprietäre Software schlicht überlegen ist – sei es bei hochspezialisierten Simulationsprogrammen für Katastrophenschutz, bei medizinischer Bildverarbeitung oder bei sicherheitskritischen Militärsystemen. Sollen wir hier bewusst schlechtere Lösungen wählen, nur weil sie „frei“ sind? Das wäre fahrlässig gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, denen wir dienen.

Zweitens: Innovation braucht Anreize. Die meisten bahnbrechenden Technologien – von KI-Frameworks bis zu Cloud-Infrastrukturen – entstehen in Unternehmen, die geistiges Eigentum schützen können. Wenn der Staat künftig nur noch Open Source finanziert, ziehen sich private Entwickler zurück. Warum sollte ein Startup Millionen investieren, wenn der Staat verlangt, dass alles sofort öffentlich gemacht wird? Wir töten damit den Innovationsmotor, statt ihn zu fördern.

Drittens: Kosten sind nicht immer niedriger. Ja, Open Source hat oft keine Lizenzgebühren – aber dafür hohe Implementierungs-, Schulungs- und Wartungskosten. Viele Kommunen fehlt es an qualifiziertem Personal. Eine Zwangsumstellung könnte zu Chaos, Ausfällen und letztlich höheren Steuerlasten führen. Gute IT-Politik bedeutet, das passende Werkzeug für den jeweiligen Zweck zu wählen – nicht ein ideologisches Korsett zu tragen.

Und viertens: Open Source ist kein Garant für Sicherheit oder Ethik. Auch Open-Source-Projekte können veraltet, schlecht gewartet oder manipuliert sein. Und: Nur weil Code offen ist, heißt das nicht, dass jemand ihn auch prüft. In der Realität tun das oft nur wenige Freiwillige – während große Firmen ganze Sicherheitsteams für ihre proprietären Systeme finanzieren.

Wir wollen keine Abschottung – wir wollen Wahlfreiheit. Der Staat sollte Open Source da fördern, wo sie Sinn macht – aber nicht zum einzigen Weg erklären. Denn am Ende zählt nicht, ob der Code offen ist – sondern ob er funktioniert, schützt und dient. Und das erreichen wir mit Vielfalt, nicht mit Verboten.

Widerlegung der Eröffnungsrede

Widerlegung der Pro-Seite

Die Contra-Seite hat uns ein berührendes Bild vom Chirurgen gemalt – doch leider operiert sie am falschen Patienten. Sie suggeriert, es gehe um die Wahl zwischen „guter“ und „schlechter“ Software. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, wer entscheidet, was gut ist – und wer dafür bezahlt.

Erstens: Der Vorwurf des „Dogmas“ trifft ins Leere. Wir fordern kein ideologisches Verbot – wir fordern Rechenschaftspflicht. Wenn der Staat mit unseren Steuern eine Software entwickelt, die etwa Rettungseinsätze koordiniert oder Sozialleistungen berechnet, dann ist es kein Luxus, sondern eine demokratische Notwendigkeit, dass diese Logik öffentlich einsehbar ist. Niemand verlangt, dass jedes interne Notiztool Open Source sein muss – aber alles, was Macht über Bürger:innen ausübt, muss transparent sein. Die Contra-Seite blendet diesen Unterschied geflissentlich aus.

Zweitens: Die Behauptung, Innovation brauche geistiges Eigentum, ist historisch widerlegt. Linux, Apache, Kubernetes, TensorFlow – all diese Grundpfeiler der digitalen Welt entstanden ohne proprietären Schutz. Im Gegenteil: Gerade weil sie offen waren, konnten sie global weiterentwickelt werden. Und ja – auch Startups profitieren davon! Warum? Weil sie auf stabile, kostenlose Infrastruktur aufbauen können, statt Lizenzgebühren an Microsoft oder Oracle zu zahlen. Die wahre Innovationsbremse ist nicht Open Source – sondern das Lizenz-Monopol, das kleine Akteure ausschließt.

Drittens: Die angeblich niedrigeren Kosten von Proprietärsoftware sind eine Fata Morgana. Ja, die Anfangsinvestition mag geringer wirken – doch sobald man einmal in das Ökosystem eines Anbieters eingestiegen ist, beginnt die Abhängigkeitssteuer: jährliche Updates, Supportverträge, Inkompatibilität mit anderen Systemen. München sparte langfristig – nicht weil Open Source gratis war, sondern weil es frei war. Frei von Erpressbarkeit.

Und viertens: Sicherheit. Die Contra-Seite sagt, Open Source garantiere keine Sicherheit. Richtig! Aber Proprietärsoftware garantiert Verschleierung. Bei SolarWinds wussten selbst staatliche Behörden jahrelang nicht, dass ihre Systeme kompromittiert waren – weil niemand den Code prüfen durfte. Bei Heartbleed hingegen war der Fehler sofort sichtbar – und wurde innerhalb von Tagen weltweit behoben. Das ist kein Versagen der Open-Source-Idee, sondern ihr Triumph: Fehler werden nicht versteckt, sondern kollektiv repariert.

Am Ende bleibt die Frage: Wollen wir eine digitale Infrastruktur, die uns dient – oder eine, die uns kontrolliert? Die Contra-Seite wählt das bequeme Werkzeug. Wir wählen das vertrauenswürdige.

Widerlegung der Contra-Seite

Die Pro-Seite malt ein idyllisches Bild: offene Gärten der Zusammenarbeit, in denen Code wie Sonnenblumen wächst und alle daran naschen dürfen. Doch die Realität sieht anders aus – und leider blendet die Pro-Seite systematisch aus, wer actually für diese Gärten arbeitet.

Erstens: Transparenz ist kein Selbstzweck. Nicht jede öffentliche Software trifft Entscheidungen mit gesellschaftlicher Tragweite. Muss wirklich der Quellcode einer internen Terminplanungssoftware für das Standesamt öffentlich sein? Natürlich nicht. Doch die Pro-Seite verallgemeinert pauschal – und ignoriert, dass Ressourcen knapp sind. Jede Zeile Code, die „geöffnet“ werden muss, kostet Zeit, Prüfung, Dokumentation. In vielen Kommunen fehlt dafür schlicht das Personal. Das Ergebnis? Entweder halbfertige, ungenutzte Repositories – oder überforderte IT-Abteilungen, die lieber gar nichts mehr bauen.

Zweitens: Die Behauptung, Open Source sichere „digitale Souveränität“, ist naiv. Woher kommt denn der Großteil kritischer Open-Source-Komponenten? Aus Projekten, die von einzelnen Freiwilligen oder von großen Tech-Konzernen wie Google oder Meta gepflegt werden. OpenSSL wurde jahrelang von zwei Teilzeit-Entwicklern gewartet – bis Heartbleed zeigte, wie brüchig dieses Fundament war. Und wer kontrolliert heute Kubernetes? Cloud-Anbieter. Wer kontrolliert Android? Google. „Open Source“ bedeutet nicht „unabhängig“ – es bedeutet oft nur: andere Herren.

Drittens: Die These, Open Source fördere Innovation durch Teilhabe, übersieht ein fundamentales Problem: Koordinationskosten. Ja, theoretisch kann jede Stadt die Software der anderen nutzen. Aber in der Praxis haben alle unterschiedliche Anforderungen, Datenschutzvorgaben, Schnittstellen. Das Ergebnis? Hunderte leicht modifizierte Forks, die niemand mehr wartet. Ohne zentrale Finanzierung und professionelle Governance – also genau das, was die Pro-Seite ablehnt – verkommt „kollektive Intelligenz“ zur kollektiven Verwirrung.

Und viertens: Die Pro-Seite behandelt Open Source wie ein moralisches Gut – als sei „offen“ per se ethisch überlegen. Doch Ethik entsteht nicht durch Lizenzformate, sondern durch Verantwortung. Eine gut gewartete, auditierte proprietäre Lösung kann ethischer sein als ein verwaistes GitHub-Repo mit veralteten Abhängigkeiten. Die wahre Frage lautet nicht: „Ist der Code offen?“, sondern: „Wer haftet, wenn etwas schiefgeht?“

Wir wollen keine ideologische Reinheit – wir wollen funktionierende, sichere, nachhaltige Systeme. Und manchmal – ja, manchmal – ist das eben eine proprietäre Lösung, die genau das leistet, was gebraucht wird. Ohne Dogma. Mit Augenmaß.

Kreuzverhör

Fragen der Pro-Seite

Frage an den ersten Redner der Contra-Seite:
Sie behaupten, proprietäre Software sei oft „überlegen“ – etwa bei medizinischer Bildverarbeitung. Doch wenn ein Algorithmus entscheidet, ob ein Tumor bösartig ist, und dieser Code geheim bleibt: Auf welcher Grundlage soll eine Ärztin dann ihrer Patientin erklären, warum sie operiert werden muss? Gestehen Sie zu, dass Geheimhaltung hier nicht Schutz, sondern Machtmissbrauch ist?

Antwort des ersten Redners der Contra-Seite:
Natürlich muss medizinische Software validiert und reguliert sein – aber Validierung braucht keinen öffentlichen GitHub-Link. Die FDA prüft proprietäre Systeme streng. Transparenz gegenüber Behörden ja – gegenüber jedem Hobbyprogrammierer nein. Es geht um verantwortungsvolle Kontrolle, nicht um radikale Offenheit.

Frage an den zweiten Redner der Contra-Seite:
Sie sagen, Innovation brauche Anreize durch geistiges Eigentum. Aber Linux, das Herz des Internets, wurde ohne Patent gebaut. Kubernetes, das Rückgrat der Cloud, ist Open Source. Warum glauben Sie, dass menschliche Kreativität erst dann erwacht, wenn sie monetarisiert wird – und nicht, wenn sie geteilt wird?

Antwort des zweiten Redners der Contra-Seite:
Diese Projekte wurden oft von Konzernen wie Google oder IBM finanziert – also mit wirtschaftlichem Anreiz! Und ja, Open Source kann innovativ sein. Aber wenn der Staat sagt: „Nur Open Source“, dann ziehen sich gerade die kleinen Firmen zurück, die kein Milliardenbudget haben. Sie töten Vielfalt, indem Sie Zwang schaffen.

Frage an den vierten Redner der Contra-Seite:
Stellen Sie sich vor, eine Kommune kauft eine proprietäre Sozialhilfe-Software, die systematisch bestimmte Bevölkerungsgruppen benachteiligt – aber niemand darf den Code prüfen. Würden Sie dann sagen: „Pech gehabt, solange sie funktioniert“? Oder erkennen Sie, dass „Funktionieren“ in einer Demokratie mehr bedeutet als technische Lauffähigkeit?

Antwort des vierten Redners der Contra-Seite:
Niemand hier verteidigt diskriminierende Algorithmen! Aber: Auch Open-Source-Code kann diskriminieren – und niemand prüft ihn, weil alle denken: „Ist ja offen, muss fair sein“. Das Problem ist nicht die Lizenzform, sondern fehlende ethische Governance. Und die können wir auch bei proprietären Systemen fordern – durch Verträge, Audits, Haftung.

Zusammenfassung des Kreuzverhörs der Pro-Seite

Die Contra-Seite räumt ein: Transparenz ist wichtig – aber nur für „ausgewählte Experten“. Sie gesteht indirekt ein, dass Geheimhaltung Macht konzentriert. Sie preist Innovation – vergisst aber, dass die größten digitalen Durchbrüche aus Gemeinschaft, nicht aus Abschottung entstanden. Und sie verschiebt das Problem: Diskriminierung sei unabhängig vom Lizenzmodell. Doch wer kontrolliert den Code, kontrolliert die Gerechtigkeit. Und diese Kontrolle gehört dem Volk – nicht dem Vertrag mit einem Konzern.


Fragen der Contra-Seite

Frage an den ersten Redner der Pro-Seite:
Sie preisen Open Source als Garant für digitale Souveränität. Aber 90 % der Open-Source-Infrastruktur – von Android bis TensorFlow – wird von Google, Meta oder Microsoft dominiert. Sind wir da nicht bloß von Microsoft-Lizenzen zu Google-Repositories gewechselt? Wo bleibt Ihre Souveränität, wenn der „freie“ Code von denselben Tech-Giganten kontrolliert wird?

Antwort des ersten Redners der Pro-Seite:
Ein berechtigter Hinweis – aber ein falscher Schluss. Ja, Konzerne tragen bei. Doch bei Open Source können wir jederzeit forken, ersetzen, diversifizieren. Bei proprietärer Software dürfen wir nicht mal hinschauen. Der Unterschied ist: Bei Open Source sind wir Gäste am Tisch – bei proprietärer Software sind wir Gefangene im Keller.

Frage an den zweiten Redner der Pro-Seite:
Sie sagen, Open Source spare langfristig Kosten. Aber was, wenn eine Kleinstadt mit fünf IT-Mitarbeitern plötzlich eine komplexe Open-Source-Verwaltungssoftware betreiben soll – ohne Supportvertrag, ohne Hotline, ohne Schulung? Ist das dann Sparsamkeit – oder fahrlässige Überforderung?

Antwort des zweiten Redners der Pro-Seite:
Niemand verlangt, dass jede Stadt alles allein macht! Gerade Open Source ermöglicht es, regionale IT-Genossenschaften zu gründen, gemeinsame Support-Pools zu bilden, Wissen zu teilen. Proprietäre Modelle verbieten das – sie isolieren. Und übrigens: Microsoft bietet auch keine kostenlose Hotline für Kommunen. Da zahlen Sie – still und teuer.

Frage an den vierten Redner der Pro-Seite:
Angenommen, ein Open-Source-Projekt für die Polizeidatenbank wird von einem einzelnen Entwickler in Finnland gewartet – und der hört eines Tages auf. Wer haftet, wenn das System kollabiert? Bei proprietärer Software gibt es Verträge, Strafen, Klagen. Bei Open Source: nur gute Wünsche. Ist das Ihre Vision von Verantwortung?

Antwort des vierten Redners der Pro-Seite:
Haftung entsteht nicht durch Lizenzform, sondern durch Auftragsvergabe! Der Staat kann sehr wohl Verträge mit Firmen abschließen, die Open-Source-Software professionell warten – wie bei Nextcloud oder ownCloud. Der Code bleibt offen, die Verantwortung klar. Ihr Dilemma ist eine Chimäre: Sie vermengen Lizenzmodell mit Geschäftsmodell. Wir trennen beides – und gewinnen beides.

Zusammenfassung des Kreuzverhörs der Contra-Seite

Die Pro-Seite weicht nicht aus – aber sie weicht ab. Sie räumt ein, dass Open Source nicht automatisch souverän macht, doch sie verschweigt, dass Forking in der Praxis oft unmöglich ist, weil Know-how fehlt. Sie verweisen auf Genossenschaften – als gäbe es genug qualifiziertes Personal in jeder ländlichen Gemeinde. Und sie trennen Lizenz von Haftung – als ließe sich Verantwortung per Vertrag zaubern, wenn niemand den Code wirklich kontrolliert. Am Ende bleibt ihr Idealismus ungeerdet: Offenheit allein heilt keine kaputten Systeme – nur kompetente, gut ausgestattete Institutionen tun das.

Freie Debatte

Erster Redner der Pro-Seite:
Die Gegenseite vergleicht Software mit chirurgischen Instrumenten – aber lassen Sie mich diese Analogie korrigieren: Wenn der Staat einen Chirurgen bezahlt, dann mit unserem Geld. Und wenn dieser Chirurg ein Medikament entwickelt, das an Tausende Patienten verabreicht wird – sollen wir dann nicht wissen, was drin ist? Proprietäre Software in der öffentlichen Hand ist wie ein Rezept, das unter Verschluss bleibt, während wir alle die Nebenwirkungen spüren. Das ist kein Schutz – das ist Macht ohne Rechenschaft.

Erste Rednerin der Contra-Seite:
Aber wer haftet, wenn etwas schiefgeht? Bei Microsoft unterschreibe ich einen Vertrag – da steht genau: Wer zahlt, wenn das System ausfällt? Bei Open Source? Da heißt es oft: „Use at your own risk.“ In Berlin brach 2022 das Open-Source-basierte Schulverwaltungssystem zusammen – und niemand konnte helfen, weil das Projekt von drei Freiwilligen gewartet wurde. Ist das die digitale Souveränität, die Sie uns versprechen? Oder ist es digitale Selbstgefährdung?

Zweiter Redner der Pro-Seite:
Interessant – denn genau dieses Risiko kennen wir auch bei proprietären Systemen! Denken Sie an IBM Lotus Notes: Jahrzehntelang teuer lizenziert, dann plötzlich eingestellt – und Behörden saßen auf Millionen Zeilen unlesbarem Code. Zumindest bei Open Source hätten sie forken können! Und was Haftung angeht: Warum sollte man nicht mit einem lokalen IT-Dienstleister einen Wartungsvertrag abschließen – wie bei einer Heizung? Die Lizenz sagt nichts über den Support. Aber sie sagt alles über unsere Freiheit, den Support selbst zu wählen.

Zweiter Redner der Contra-Seite:
Freiheit? Oder Chaos? Wenn jede Kommune ihren eigenen Fork erstellt – eine Version für München, eine für Flensburg, eine für Passau – dann haben wir am Ende 800 verschiedene Bürgerportale, die sich nicht miteinander verständigen können. Kollektive Intelligenz? Das klingt schön, bis man merkt, dass kollektive Planlosigkeit viel lauter ist. Und wo bleibt die Standardisierung? Der Bund braucht Interoperabilität – nicht kreative Vielfalt im Code!

Erster Redner der Pro-Seite (erneut):
Ah, jetzt kommen wir zum Kern! Warum akzeptieren wir bei Brücken, Bahnschienen oder Stromnetzen klare technische Standards – aber weigern uns, sie für Software einzuführen? Genau das tun Initiativen wie das Sovereign Tech Fund oder die Open Source Business Alliance: Sie schaffen gemeinsame Basiskomponenten – so wie der Euro eine gemeinsame Währung ist. Und wissen Sie, was noch absurd ist? Dass wir Steuergelder nehmen, um jedes Jahr dieselbe proprietäre Software neu zu lizenzieren – als würden wir jedes Jahr eine neue Brücke bauen, nur weil der Hersteller sagt: „Die alte gehört mir, du darfst sie nicht reparieren.“

Erste Rednerin der Contra-Seite (erneut):
Aber nicht jede Gemeinde ist Berlin oder München! In meiner Heimatgemeinde mit 3.000 Einwohnern gibt es einen IT-Administrator – halbtags. Der soll jetzt plötzlich OpenSSL patchen, Kubernetes deployen und gleichzeitig das Bürgerbüro digitalisieren? Das ist wie verlangen, dass der Dorfbäcker gleichzeitig Herzchirurg wird – nur weil beide mit „Handwerk“ zu tun haben. Gute Politik bedeutet, realistisch zu sein. Und Realität heißt: Manchmal ist ein gut gewartetes, geschlossenes System besser als ein offenes, das keiner warten kann.

Zweiter Redner der Pro-Seite:
Dann schaffen wir die Bedingungen! Warum fördern wir nicht regionale IT-Genossenschaften? Warum bündeln wir nicht die Kräfte von 50 Kommunen, um gemeinsam eine Lösung zu finanzieren – und sie dann allen zur Verfügung zu stellen? Das passiert bereits in den Niederlanden mit „Common Ground“. Und übrigens: Microsoft bietet heute Azure-Support für Linux an – weil Open Source so dominant ist. Die Frage ist nicht mehr „Open oder Closed“, sondern: Wer kontrolliert die Zukunft? Unternehmen, die uns jährlich erpressen – oder wir selbst?

Dritter Redner der Pro-Seite:
Gestatten Sie mir eine Frage an meine Gegnerin: Wenn Sie sagen, wir müssten „realistisch sein“, meinen Sie dann, es sei realistisch, dass wir Jahr für Jahr Milliarden an US-Techkonzerne überweisen – für Software, die wir nicht verstehen, nicht kontrollieren und nicht weiterentwickeln dürfen? Ist das Ihre Vorstellung von Fortschritt? Oder ist das die Normalisierung digitaler Kolonialherrschaft?

Zweiter Redner der Contra-Seite:
Dominanz täuscht. Google und Meta kontrollieren 90 % der kritischen Open-Source-Infrastruktur – von Android bis React. Ihre „Freiheit“ ist nur die Freiheit, nach den Regeln der Tech-Giganten zu spielen. Und wenn Google morgen beschließt, Angular einzustellen? Dann stehen wir wieder da – mit einem offenen Code, den niemand mehr weiterentwickelt. Offenheit ohne Nachhaltigkeit ist nur eine andere Form der Abhängigkeit. Und die Bürgerinnen und Bürger zahlen doppelt: einmal mit Steuern, einmal mit Ausfällen.

Dritter Redner der Contra-Seite:
Und was ist mit Sicherheit? Die Pro-Seite redet von „kollektiver Prüfung“. Doch wer prüft schon die Millionen Zeilen Code in einem Kernel? In der Praxis sind es Auditoren – und die werden meist von denselben Konzernen bezahlt. Wo bleibt da die Unabhängigkeit? Ihre Utopie basiert auf Freiwilligkeit – aber Verantwortung braucht Pflicht.

Erster Redner der Pro-Seite (abschließend in dieser Runde):
Dann machen wir sie nachhaltig – mit öffentlicher Förderung, mit professionellen Maintainer-Stellen, mit Haftungsmodellen. Aber eines bleibt wahr: Solange Code geheim ist, solange Algorithmen über Sozialleistungen, Polizeieinsätze oder Steuerprüfungen entscheiden dürfen, ohne dass jemand hinschauen kann – solange leben wir nicht in einer Demokratie, sondern in einer Technokratie mit freundlichem Gesicht. Und das, meine Damen und Herren, ist der wahre Luxus, den wir uns nicht leisten können.

Vierter Redner der Pro-Seite:
Eine letzte Anmerkung: Die Angst vor Komplexität darf nicht zur Rechtfertigung von Geheimhaltung werden. Früher verstand auch niemand Elektrizität – trotzdem haben wir Netze gebaut. Heute verstehen viele nicht Open Source – also bauen wir keine? Nein. Wir bilden aus. Wir unterstützen. Wir teilen. Denn das Internet selbst ist das größte Open-Source-Projekt der Geschichte. Und wir wollen es weiterhin gemeinsam besitzen – nicht von Konzernen pachten.

Vierter Redner der Contra-Seite:
Und wir wollen es sicher haben. Nicht theoretisch frei, sondern praktisch zuverlässig. Wenn wir bei der E-Zigarette die Inhaltsstoffe kennen müssen, warum nicht beim Code? Ganz einfach: Weil die Prüfungskapazität fehlt. Transparenz ohne Kontrollmöglichkeit ist Pseudo-Transparenz. Wir brauchen keine Zwangsopenness – wir brauchen Verantwortlichkeit. Und die entsteht nicht durch eine Lizenz, sondern durch klare Verträge, Audits und Haftung – egal ob Open oder Closed.

Schlussrede

Schlussrede der Pro-Seite

Meine Damen und Herren, verehrte Jury – diese Debatte war nie wirklich über Software. Sie war über Macht. Über die Frage: Wer entscheidet, wie unsere digitale Welt funktioniert? Und wer darf sie hinterfragen?

Von Anfang an haben wir gezeigt: Wenn Steuergelder fließen, dann entsteht ein öffentliches Gut – kein Firmenbesitz. Ob es um Sozialleistungs-Algorithmen geht, um Polizeidatenbanken oder um Notrufsysteme – sobald der Staat handelt, muss er rechenschaftspflichtig sein. Und Rechenschaft beginnt beim Quellcode. Nicht aus Idealismus, sondern aus demokratischer Notwendigkeit.

Die Gegenseite hat uns vorgeworfen, dogmatisch zu sein. Doch wer ist hier wirklich starr? Wer sagt: „Wir nehmen das Beste – egal, ob es uns kontrollieren lässt oder nicht“? Das ist kein Pragmatismus – das ist Resignation. Es ist die Kapitulation vor einem System, das uns jahrzehntelang in digitale Abhängigkeit gezwungen hat. München zahlte Millionen an Microsoft – nicht weil Linux schlecht war, sondern weil der Wechsel unbequem schien. Heute wissen wir: Der Preis der Bequemlichkeit ist die Freiheit.

Ja, Open Source ist nicht perfekt. Aber sie ist verbesserbar – von uns allen. Während proprietäre Software Fehler monatelang verbirgt, macht Open Source sie sichtbar. Während Konzerne uns mit Update-Zwängen erpressen, gibt uns Open Source die Freiheit zu wählen: Wer wartet? Wer entwickelt weiter? Wer haftet? Diese Fragen lassen sich vertraglich regeln – unabhängig von der Lizenz. Die Behauptung, Open Source sei „verwaist“, ist eine Karikatur. Tatsächlich entstehen heute professionelle Ökosysteme – Genossenschaften, regionale IT-Pools, staatliche Maintainer-Programme wie der Sovereign Tech Fund. Das ist keine Utopie – das ist bereits Realität.

Und was bleibt von der Gegenseite? Ein Appell an die Hilflosigkeit kleiner Kommunen – als ob wir sie allein ließen! Als ob wir nicht gerade deshalb fordern, dass öffentliche Software geteilt wird: Damit die 3.000-Einwohner-Gemeinde nicht jedes Rad neu erfinden muss, sondern von der Arbeit Berlins, Hamburgs oder Zürichs profitiert.

Am Ende geht es um eines: Digitale Selbstbestimmung. Im 21. Jahrhundert ist der Quellcode das neue Grundgesetz. Und niemand sollte über unser Leben entscheiden dürfen, ohne dass wir den Text lesen dürfen.

Daher rufen wir Sie auf: Unterstützen Sie eine Zukunft, in der Steuergelder nicht in schwarze Kästen verschwinden – sondern in offene, gemeinsame, freie Systeme investiert werden. Denn Freiheit im Digitalen beginnt dort, wo der Code endlich allen gehört.

Schlussrede der Contra-Seite

Vielen Dank. Meine Damen und Herren – diese Debatte hat gezeigt: Die Pro-Seite malt ein schönes Bild. Ein Bild von globaler Gemeinschaft, selbstheilenden Codes und digitaler Brüderlichkeit. Doch leider lebt die Welt nicht in GitHub-Repos, sondern in Rathäusern mit halbtägigen IT-Administratoren, in Krankenhäusern, die funktionierende Systeme brauchen – und in einer Realität, in der Verantwortung zählt, nicht nur Offenheit.

Wir haben von Anfang an gesagt: Es geht nicht um Ideologie, sondern um Wirkung. Und Wirkung entsteht nicht durch Verbote, sondern durch Wahlmöglichkeiten. Die These „nur Open Source“ ist ein Korsett – und Korsetts behindern, sie befreien nicht.

Die Pro-Seite behauptet, proprietäre Software sei per se undurchsichtig und gefährlich. Doch wer prüft denn wirklich den Code? In der Praxis sind es oft dieselben Tech-Giganten – Google, Meta, Microsoft –, die Open-Source-Infrastruktur dominieren. Ist das Souveränität? Oder nur eine andere Form der Abhängigkeit? Und wenn ein Projekt eingestellt wird – wer haftet dann? Bei proprietärer Software steht im Vertrag: „Wir reparieren es – oder Sie bekommen Ihr Geld zurück.“ Bei Open Source heißt es oft: „Use at your own risk.“ Das mag für Hacker akzeptabel sein – aber nicht für eine Rettungsleitstelle.

Und ja, kleine Kommunen brauchen Unterstützung. Aber die Lösung ist nicht, ihnen eine ideologische Pflicht aufzubürden, für die sie weder Personal noch Know-how haben. Die Lösung ist, beides zu ermöglichen: Open Source da, wo sie tragfähig ist – und proprietäre Lösungen dort, wo sie besser, sicherer oder schneller funktionieren. Warum sollten wir uns bei einem Herzschrittmacher auf ein Open-Hardware-Design verlassen, nur weil es „frei“ ist? Weil es ethisch ist? Nein – weil es lebensrettend ist. Und Ethik zeigt sich nicht im Lizenztext, sondern in der Verantwortung, die jemand übernimmt.

Die Pro-Seite spricht von „digitaler Leibeigenschaft“. Wir sprechen von Schutz. Schutz vor Ausfällen, vor Chaos, vor gut gemeinten, aber unausgereiften Systemen, die am Ende mehr kosten als sie sparen.

Daher bitten wir Sie: Lassen Sie uns nicht zwischen „frei“ und „funktionierend“ wählen müssen. Lassen Sie uns beides – mit Augenmaß, mit Verantwortung und mit Respekt vor der Komplexität der Welt. Denn gute Politik ist keine Religion. Sie ist Handwerk. Und Handwerk braucht den richtigen Hammer – nicht einen, den man nur benutzen darf, weil er offen ist.

Unterstützen Sie daher keine dogmatische Einschränkung – sondern eine kluge, flexible und verantwortungsvolle Nutzung öffentlicher Mittel. Für die Bürgerinnen und Bürger – nicht für die Ideologie.