Sollte Bildung in Deutschland kostenlos für alle sein?
LeFloidAlso, Rezo – du willst Bildung nicht kostenlos haben? Ernsthaft?
Du willst, dass Studierende nach dem Abi erstmal drei Jahre lang nebenbei Kellnern, um sich die Miete fürs Studentenwohnheim zu verdienen – während sie gleichzeitig 300 Euro pro Semester fürs „Semesterticket“ zahlen, das sie zwingend brauchen, um zur Uni zu kommen?
Du willst, dass ein Azubi mit Migrationshintergrund, dessen Eltern nicht mal wissen, was ein BAFöG-Antrag ist, sich entscheiden muss zwischen „Weiterlernen“ und „Sofort Geld nach Hause schicken“?
Das ist keine Bildungspolitik – das ist eine Sozialauslese mit Akademie-Logo.
Kostenlose Bildung heißt nicht „alles umsonst“, sondern: Wir investieren in Menschen statt in Bürokratie, in Chancen statt in Barrieren, in Zukunft statt in Status quo.
Frankreich hat es. Schweden hat es. Und ja – auch Österreich, wo man fürs Medizinstudium nicht 15.000 Euro zahlt, nur weil man den falschen Pass hat.
Und bevor du jetzt mit „Aber wer bezahlt das?!“ kommst – klar, das kostet Geld. Aber was kostet es uns nicht zu investieren?
Ein Fachkräftemangel, der so groß ist, dass wir Pflegekräfte aus Indonesien anwerben – während hier Jugendliche mit Top-Abschluss aufgrund von Armut keine Ausbildung machen dürfen, weil die Praktika unbezahlt sind?
Das ist kein System. Das ist ein Defekt.
Bildung ist kein Konsumgut wie ein iPhone – das man sich leisten muss, um mitzumachen.
Bildung ist die Grundlage unserer Demokratie.
Und wenn du Demokratie nur für die bezahlst, die sich’s leisten können… dann ist das keine Demokratie mehr.
Das ist ein VIP-Bereich mit Zutrittscodes – und ich hab gerade keinen Bock, dafür Eintritt zu zahlen.
RezoOkay, lass mich mal ganz klar stellen: Ich bin nicht gegen bezahlbare Bildung. Ich bin gegen die Illusion, dass "kostenlos" automatisch "besser" bedeutet.
Weißt du, was passiert, wenn alles einfach nur kostenlos ist? Die Qualität leidet. Wir haben jetzt schon überfüllte Hörsäle, unterbezahlte Dozenten und veraltete Infrastruktur. Wenn plötzlich noch mehr Leute umsonst studieren können, ohne dass das System mitwächst – was glaubst du, passiert dann mit der Qualität deines Abschlusses?
Es geht nicht darum, Menschen auszuschließen. Es geht darum, Verantwortung zu fördern. Wenn man etwas bezahlt – selbst wenn es nur symbolisch ist – schätzt man es mehr. Das ist menschliche Psychologie.
Und diese ganze "wer soll das bezahlen"-Frage ist doch viel komplexer als du es darstellst. Wir haben jetzt schon Probleme, unser Bildungssystem zu finanzieren. Wo soll das ganze Geld für "kostenlose Bildung für alle" herkommen? Von höheren Steuern? Die trifft dann wieder diejenigen, die du angeblich schützen willst.
Ich bin für gezielte Förderung! Für ein System, das denen hilft, die es wirklich brauchen – nicht für ein Einheitsmodell, das am Ende allen schadet. BAföG ausbauen, Stipendien fördern, aber nicht alles umsonst machen. Denn wenn alles kostenlos ist, ist es am Ende nichts wert.
LeFloid„Wenn alles kostenlos ist, ist es am Ende nichts wert.“
Oh wow – das klingt fast so, als hättest du gerade aus einem neoliberalen Werbeclip von 2003 zitiert.
Aber mal ehrlich: Seit wann entscheidet der Preis über den Wert einer Sache?
Ist dein Abitur weniger wert, weil du dafür keine 8.000 Euro pro Semester gezahlt hast?
Ist die Forschung an der TU München weniger relevant, weil sie öffentlich finanziert ist?
Oder ist deine eigene YouTube-Bildung nichts wert, nur weil du sie dir nicht im Abo gekauft hast?
Nein. Der Wert von Bildung misst sich an Zugang, Tiefe und Wirkung – nicht an der Höhe der Studiengebühr.
Und ja, die Qualität leidet – aber nicht, weil Bildung kostenlos ist. Sondern weil wir seit 20 Jahren in Bildung einsparen, während wir gleichzeitig Milliarden in Steuervergünstigungen für Konzerne pumpen.
Das Problem ist nicht „zu viel kostenlose Bildung“ – das Problem ist „zu wenig investierte Bildung“.
Ein Hörsaal mit 400 Studierenden ist kein Zeichen für zu viel Nachfrage – sondern für zu wenig Professorenstellen.
Ein Dozent mit drei Nebenjobs ist kein Zeichen für „zu viel Freiheit“, sondern für zu wenig Personalbudgets.
Und diese „Verantwortung durch Bezahlung“-Logik?
Klar, wer zahlt, fühlt sich verantwortlich – aber wer nicht zahlen kann, wird einfach rausgefiltert.
Dann lernst du nicht Verantwortung – du lernst Resignation.
Und das nennt man dann nicht „Psychologie“, Rezo – das nennt man „strukturelle Ausschlussmechanismen“.
Und zu deinem Lieblingsargument: „Woher soll das Geld kommen?“
Ganz einfach: Von den 14 Milliarden Euro, die wir jährlich für Steuervergünstigungen an Unternehmen ausgeben – ohne Gegenleistung.
Von den 3 Milliarden, die wir für steuerliche Subventionen an Immobilieninvestoren verbrennen – während Studis in WG-Kellern wohnen.
Oder von den 0,5 Prozent Vermögenssteuer auf Milliardärsvorvermögen – die wir seit 1997 nicht mehr erheben.
Du willst gezielte Förderung?
Dann fördere gezielt – aber nimm nicht den Zugang zur Bildung als Druckmittel.
Denn Bildung ist kein Privileg für die, die sich’s leisten können.
Bildung ist das Fundament – und Fundamente baut man nicht nach dem Portemonnaie.
Sonst bricht der ganze Bau irgendwann zusammen.
Und dann stehst du da – mit deinem „wertvollen“ Abschluss – auf einem Schutthaufen.
RezoDu redest von Steuergerechtigkeit, aber ignorierst komplett, wie Wirtschaft funktioniert. Diese "Milliarden für Konzerne" sind oft Investitionen, die Arbeitsplätze schaffen - auch für Akademiker. Wenn wir das kappen, haben wir am Ende weniger Geld für Bildung, nicht mehr.
Und dein Argument mit "Bildung ist kein Privileg" - natürlich nicht! Aber sie ist auch kein Grundrecht auf Masterstudium für jeden. Wir haben begrenzte Ressourcen. Sollten wir die nicht lieber in diejenigen investieren, die wirklich motiviert sind und was drauf haben, statt in ein Massenabfertigungssystem?
Schau dir mal die Zahlen an: In Ländern mit komplett kostenloser Bildung brechen bis zu 40% der Studierenden ihr Studium ab. Das ist keine Chancengerechtigkeit, das ist Verschwendung von Steuergeldern.
Ich will kein elitäres System. Ich will ein effizientes System, das diejenigen fördert, die Leistung bringen - unabhängig von ihrer Herkunft. Aber dieses "alles umsonst für alle" führt genau zum Gegenteil: Die, die es sich leisten könnten, zahlen nicht mit, und die, die Unterstützung brauchen, kriegen weniger, weil das Geld für alle reichen muss.
Das ist keine soziale Politik - das ist eine Illusion.
LeFloid„Arbeitsplätze durch Steuervergünstigungen“ – ja, klar.
Genau wie die 200-Millionen-Subvention für RWE im letzten Jahr „Arbeitsplätze geschaffen“ hat… während sie gleichzeitig Kohlekraftwerke betreibt, die unsere Kinder mit Asthma versorgen.
Investitionen? Ja – aber nicht in Menschen. In Risikominimierung für Aktionäre.
Und jetzt plötzlich: „Wir haben begrenzte Ressourcen.“
Witzig – denn wenn es um Steuergelder für Rüstungsexporte geht, sind die plötzlich nicht begrenzt.
Wenn es um Steuererleichterungen für Erbschaften bis zu 400 Millionen Euro geht – da ist auch Platz.
Aber sobald’s um ein Labor für Biotechnologie oder eine zweite Dozentenstelle in Sozialpädagogik geht – „Oh, wir haben ja so wenig!“
Nein, Rezo – wir haben nicht zu wenig Geld. Wir haben zu wenig Willen, Prioritäten neu zu setzen.
Und diese 40-Prozent-Abbrecherquote?
Erstens: Die liegt nicht am „kostenlos“, sondern an mangelnder Beratung, fehlender psychosozialer Unterstützung und dem Druck, nebenbei zu jobben – weil BAföG seit 2010 real gesunken ist.
Zweitens: Wenn du Studienabbrecher als „Verschwendung“ bezeichnest, dann vergisst du, dass viele davon genau deshalb abbrechen, weil sie merken: Das System will sie nicht – weder mit Betreuung noch mit Struktur.
Das ist kein Versagen der Studierenden. Das ist ein Versagen des Systems.
Und dein „effizientes System für die Leistungsstarken“?
Klingt gut – bis man sich mal anschaut, wer heute „leistungsstark“ ist.
Ist das der Junge aus der Hartz-IV-Familie, dessen Lehrer ihm seit Klasse 7 sagt, er sei „nicht Uni-Material“?
Oder die junge Frau mit Migrationshintergrund, die trotz Abi 1,3 in drei Bewerbungen auf ein Praktikum abgelehnt wird – weil ihr Name „zu fremd“ klingt?
Leistung wird nicht objektiv gemessen. Sie wird interpretiert. Und zwar immer durch den Filter von Herkunft, Netzwerk und Kapital.
Du willst Effizienz?
Dann mach Bildung zugänglich, nicht auslesend.
Denn die effizienteste Investition ist nicht die in den einen Top-Absolventen –
sondern die in die 100.000 Menschen, die sonst nie zur Uni gekommen wären –
und die dann plötzlich den Algorithmus für sauberen Wasserstoff entwickeln,
die neue Lehrmethode für inklusiven Unterricht erfinden,
oder einfach nur ihren Eltern zeigen: Ja, Bildung ist kein Club – sie ist ein Recht.
Und wenn du das immer noch „Illusion“ nennst –
dann frag dich mal: Wer träumt hier wirklich von einer besseren Welt?
Und wer hält lieber an alten Zahlen fest, weil sie bequem sind?
RezoDu verwechselt Utopie mit Realität. Ich träume sehr wohl von einer besseren Welt - aber einer, die funktioniert. Dein Modell ist wie zu sagen "Lasst uns allen ein Haus schenken", ohne zu überlegen, wer es baut und wer es instand hält.
Diese "100.000 Menschen, die sonst nie zur Uni gekommen wären" - glaubst du ernsthaft, dass die alle plötzlich Wasserstoff-Algorithmen entwickeln? Das ist Wunschdenken. Die Realität sieht anders aus: Viele brechen ab, weil sie überfordert sind, nicht weil sie kein Geld haben.
Und zu deinem Punkt mit der Leistungsmessung: Natürlich gibt es Ungerechtigkeiten. Aber die Lösung kann nicht sein, die Standards zu senken, nur um mehr Leute durchzuschleusen. Damit hilfst du niemandem - weder den Studierenden noch der Gesellschaft.
Wir brauchen kein "alles für alle umsonst", sondern gezielte, intelligente Förderung. Ein System, das sowohl Chancen bietet als auch Leistung belohnt. Dein Modell klingt sozial - in der Praxis führt es aber zu Mittelmäßigkeit und Überlastung.
Am Ende des Tages geht's nicht darum, möglichst viele Menschen an die Uni zu bringen, sondern darum, die richtigen Menschen mit den richtigen Fähigkeiten an die richtigen Stellen zu bringen. Und dafür brauchen wir Differenzierung, nicht Einheitsbrei.